Kritik zu: Tosca
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frollainwunder und herr puccini. eine liebe für die opern-ewigkeit. mein zutiefst romantisches herz (hinter der berliner klappe) schlug besonders heftig bei der inszenierung von „tosca“ in der deutschen oper. diese tosca hatte ihre premiere 1969, 45 jahre nach puccinis tod und 5 jahre vor frollainwunders geburt. dass diese inszenierung noch immer gezeigt wird ist eine göttliche gnade, denn sie ist einfach nur berauschend schön. edel, klassisch, venezianisch, stimmig und stimmungsvoll, opulent authentisch. und so nostalgisch. nostalgie sei die wurzel der romantik.
in drei akten entblättert sich das drama um vollblütlerin tosca, ihrem charmantem mario (cavaradossi) und dem machtberauschten polizeichef scarpia. dieser spinnt hinterhältig und eigennützig seine fiesen fäden und toscas wehr-mut wird zu wehmut und tiefer trauer. in drei akten geht es um liebe, macht und leid. die ukrainerin liudmyla monastyrska interpretierte im herbst 2017 die titelheldin als kesses barockes weib mit eigensinn und stürmischem herzen. ihr sopran überwältigte in seiner kraft und lieblichkeit. stolzierend erfüllte sie den saal der oper mit ihrer stimme so feminin und federleicht. jorge de leon als ihr geliebter berauschte mit seinem unglaublichen bilderbuch-tenor. arien zum niederknien!
der serbische bariton zeljko lucic war als finsterer gegenspieler scarpia in format und stimme absolut glaubwürdig und diabolisch ausdrucksstark besetzt. das bühnenbild entführt den tosca-fan ins rom von 1800. detailgetreu, atmosphärisch, sepia-farben, verstuckt und klerikal gesetzt. im ersten akt beginnt die geschichte im offenen innern einer kirche, eine steinerne madonnenstatue ragt abgewandt zum anbeten bis zur hohen decke. im zweiten akt schreitet scarpia durch seine komfortable dienststätte, und im dritten sehen wir die sonne roms langsam im nebel aufgehen, beim blick über die todbringende engelsburg.
diese inszenierung hat alles, was frollainwunder jemals von einer oper erträumt hat. möge puccini in seiner engelsburg nur wissen, dass 45 jahre nach seinem tod sein werk ein umwerfendes denkmal bekommen hat. und immer noch die unsterblichen romantiker in die deutsche oper pilgern um sich berauschen zu lassen. jawohl, es ist ein rausch.
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shakespeare is over. ostermeier bleibt klassisch. nach schnitzlers „professor bernhardi“ (https://www.aufderbuehne.de/index.php/kritiker/350) widmet er sich auch zweieinhalb pausenlose stunden lang der biografie des französischen journalisten didier eribon (64). ein coup für das gutbürgerliche theater, denn der bestseller von 2009 erschien erst 2016 auf deutsch bei suhrkamp. in „rückkehr nach reims“ kehrt der pariser eribon nach dem tod des vaters zum emotionsbelasteten ort der kindheit zurück. erinnert sich an die dumpfen jahre im arbeiterbezirk, einer klassengefangenen welt, in deren häusern armut sprach. eribon untersucht strukturen, entwicklungen, biografien. selbst die mutter, einst kommunistin, wie es üblich war, wendet sich später den rechtspopulisten zu. dass eribon schwul ist, ist thema, aber die wurzeln sind der mittelpunkt.
ostermeier nutzt wieder den atmosphärischen globe-theatersaal und setzt eribons werk in passagen in einem langweilig hellbraundunkelbraunem tonstudio um. hans-jochen wagner agierte schon in „professor bernhardi“ und übernimmt die rolle des angespannten aufnahmeleiters. wagner dramatisiert seine rolle gern, bändigt sich aber auch. renato schuch gibt den tonstudio-inhaber und schlendert in turnschuhen rum (rappen kann er nicht wirklich, aber so lebt der gesittete abend kurz auf). die kaffeemaschine blubbert elendskaffee. beide warten auf sprecherin katy, also nina hoss, die dann auch die tür öffnet und gewohnt charmant lächelt. nina hoss, die deutsche unprätentiöse traumfrau der regisseure.
ihre aufgabe, die sie ernsthaft und mit angenehmer stimme absolviert: auszüge aus „rückkehr nach reims“ lesen und die vielen filmschnipsel des regisseurs und aufnahmeleiters sinnvoll untermalen. und was für filmschnipsel! ostermeier hat eribon in einen zug gesetzt und begleitet dessen biografische reise unaufgeregt und stimmig. irgendwann sitzt eribon mit der müden mutter am tisch und schaut sich alte fotos an. der dokumentarische film zeigt  auch szenen aus der arbeiterwelt, der fabrik, von den treffpunkten der schwulen szene – es entsteht mühelos eine collage, die uns den autor nahebringt.
das übliche stop and go des einlesens hat ostermeier als regie-punkte gesetzt. es soll auch unbedingt authentisch werden, in dem sich im tonstudio gekabbelt wird oder diskussionen inszeniert werden. und schon bin ich raus und der nebenmann atmet angestrengt mit. gerade eben konnte man dem autor noch in bild und ton folgen, nun dreht sich der abend um das doll drapierte drumherum.
final lässt ostermeier seine schauspiel-perle nina hoss den film im detail in frage stellen und von ihrem vater berichten. neumodisch werden sich im smartphone fotos und filmchen gezeigt. von will hoss, dem gründer der grünen, auch arbeiter, aber kämpferischer und schließlich ehrenhäuptling eines amazonasdorfes. schuch und wagner wirken in ihren rollen interessiert, aber es ist eben nicht authentisch. der abend ist mit zweieinhalb stunden mindestens eine halbe stunde zu lang. das ambitionierte konzept verzettelt sich und leider geht der sensible eribon, den man sofort mag, mit seinem wesen unter (und sollte eher in einem dokufilm auf arte fesseln). dann würde man auch wachbleiben wollen. das gutbürgerliche publikum hatte ebenso mit der aufmerksamkeit zu kämpfen wie das rauflustige frollainwunder aus ostberlin. schon bei „professor bernhardi“ kam edelelegante langeweile auf, beim versenken in ein heutzeitiges autorenwerk. anspruch statt ausbruch.
und so gab es einen ostermeier ohne osterfeuer zu sehen, wenn er nicht bei shakespeare vorbeischaut und lars eidinger in das publikum feuerfunkeln lässt (noch immer als hamlet und richard zu sehen). ausbruch mit anspruch geht auch.
Kritik zu: WUT
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zweieinhalb stunden wut ohne pause, texttechnisch verzapft von der hochgeistlichen nobelpreisträgerin elfriede jelinek, die sich vor dem preis windete, wie frollainwunder vor der zu erwartenden textflut. die jelinek (un)erschrocken produzierte, als im januar 2015 die welt und die der pressefreiheit einen tiefen schock erlebte. die wahnsinnigen brüder kouachi und das massaker in paris. in den redaktionsräumen der satirezeitschrift "charlie hebdo". elf tote.
die redaktion von "charlie hebdo" hatte es gewagt die mohammedkarikaturen von kurt westergaard aus der dänischen jyllands-posten nachzudrucken. im fahrwasser der grausamkeit überfiel einen tag später amedy coulibaly einen koscheren supermarkt, um schutz für die kouachi-brüder zu erpressen. 4 tote. dem doppelten wahnsinn nähert sich jelinek mit rasenden sätzen. regisseur nicolas stemann hat sich schon mit jelineks kopfgeburten auseinandergesetzt und das spröde. im deutschen theater ist es aber martin laberenz, der bruder der witwe von christoph schlingensief, und man fragt sich wieviel ungestümen schlingensief er wohl eingeatmet hat am familiären küchentisch. schwester aino laberenz hat die edlen und auch albernen kostüme für diese theater-„wut“ entworfen und sich maßvoll ausgetobt. martin laberenz ist jahrgang 1982 und angriffslustig. mit volksfreund andreas döhler (der biberkopf aus „alexanderplatz“), dem geschmeidigen sebastian grünewald, linn (reusse), anja (schneider) und sabine (waibel) als energiefrauenfront funktioniert die ensemble-ebene prächtig. die fünf berserkern sich in abendgarderobe und mit sektglas (wasser in plastik) durch die textlawine, laberenz lässt ihnen pausen, in denen die vierte wand erschöpfung verhindert und ironischer volkswitz amüsiert, in den sich besonders gern döhler reinkniet. es gibt viel zu hören und viel zu sehen. wer nachdenken will, hat zu tun, wer impulse will, kann sie greifen. jelinek schafft es durch laberenz in die zuschauerreihen. und auf die bühne, als alte hysterische ego mit der kultfrisur, schmalen roten lippen und sehr gelben hosen. sabine waibel liefert die verspannte ikone auf den bitterkomischen punkt ab und doehler als zorniger zeus (wut, zorn, dt), verfängt sich mit ihr in einer sinnloslustigen diskussion über das fremdgehen (und die wut dazu). waibel jammert später noch in einer videoversion in jelineks befindlichkeitswelten herum. diese regie-schlenker bringen uns die schwierige autorin aber näher, verhöhnen sie nicht lieblos. am ende trifft jelineks- rundum-zorn auch gott. vater? erlöser? täter? und ein nackter jesus windet sich. applaus für viel inspiration und eine regie, die unter schwierigen bedingungen zu fesseln wusste.
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