Kritik zu: Richard III.
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ich hatte das glück vor der premiere einen dreistündigen probendurchlauf sehen zu können (für ein schaubühnengroupie natürlich ein totally musthave-event inklusive der gebührenden aufregung). seit gestern habe ich das stück ein zweites mal gesehen (final gekürzt auf 2 stunden 35) und bin im status "super-sog" wie schon bei hamlet. erhofft und bekommen, wow. natürlich konzentriert sich die regie zuallererst auf den hauptdarsteller, smart schaubühnenprinz lars eidinger, der am liebsten nur noch shakespeare spielen würde (bitte gern), und hier nach charming großmaul hamlet charming ekel richard verkörpert. und verkörpert trifft es so sehr. ob nun ästhetisch-nackt oder in corsage, mit quark im gesicht oder im schnittigen anzug, eidinger kriecht mal wieder in seine rolle rein, wird zu einem körperbetonten körperbenachteiligten machtwesen (hinkend, mit klumpfuß, schiefer buckliger schulter), inhaliert diesen unheimlichen richard, wird ganz zu ihm und verführt uns minute für minute auf sinnlichste weise. er ist hinreißend extrovertiert-introvertiert, ohne dass ihm eitelkeit alles verderben könnte. eidinger ist ein schauspieler mit antennen, der funkelt und funkt, kontakt zum publikum unbedingt will. und so können wir mitreisen durch die szenen, auf seinen schultern, in seinem rhythmus, können uns quasi festsaugen an seiner mimik und geschmeidigen körpersprache, mit ihm lachen, mit ihm verzweifeln, bei ihm sein für zweieinhalb stunden.
die rolle kann noch so ein ekelpaket vorführen, eidinger liebt man (und frau, klar). ich als schaubühnengroupie sowieso. ich habe bisher keinen schauspieler auf der bühne gesehen, der mehr gibt und mehr will von seinen gern gebannten zuschauern, und das so scheu-charmant, dass man nicht nein sagen kann (und auch gar nicht will).
so wurde er durch soul-daddy ostermeier erst zu hamlet, so wurde er nun zu richard, dem er auch wieder seinen eigenen eidinger-soul-flow verpasst. zwischen unschuldig-dreinblickend (sich stets umschauend und vergewissernd, auch bei uns) bis angewidert, weinerlich, rachsüchtig, verführerisch, rappend, fluchend, intrigierend und schließlich erschöpft. am ende hängt er von der decke und das licht geht aus.
das großartige ensemble um eidinger darf bei hamlet mehr agieren und verharrt hier oft in den rollen (allerdings ist richard auch ein werk vom jungen shakespeare und die untiefen können fehlen). und so stellen sich die schauspielgefährten auf um richard eidinger, auch in mehrfachrollen, um diesem umstrittenen allesbeherrscher eine vitale fläche zu bieten, an der er sich entfesseln kann. wunderbar und danke. jenny könig weint sogar, eva verzweifelt so schön, robert beyer als königin margaret verflucht alles und jeden in einem giftigen spektakel vom obersten balkon. hinreißend sind auch die holzpuppen-jungs mit den lieben augen, die zwei prinzen darstellen und von ensemblemitgliedern bewegt und gesprochen werden.
im fast schon intimen kleinen saal c beeindruckt auch die globe-atmende konstruktion der in die höhe geschossenen bühne, wir drumherum in den halbkreis-reihen, mal wieder viel erde auf dem performance-boden, auf dem die dramen wüten, dazu eklektischer sound (mit live-schlagzeuger thomas), ein paar schicke videokünstlereien.
man trägt die bildgewaltigen szenen mit hinaus. in die nacht, im herzen. auch richard werde ich nochmals sehen wollen. so wie hamlet. die intensiven momente, die man hier live erlebt, sind ein großer (schaubühnen)schatz.
Kritik zu: NEVER FOREVER
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Falk Richters inszenierungen haben etwas atemloses, man merkt, dass er zuvor hunderte post-its gesammelt hat mit seinen ideen. der 45jährige hamburger widmet sich der gegenwart und zeigt in "never forever" auch die welt der atemlosen digital-people.
eine frau löst sich fast auf in dieser, immer online, sucht sie auch dort die liebe, die sie nur als one-night-stands erträgt. eine therapeutin soll helfen, aber sie verliert sich ebenso. ein vater (der tänzer florian bilbao) wütet mit kartons, denn frau und kind sind fort. ein einsamer postet verstörendes. kay bartholomäus schulze ist ein philosphierender, der seine smartphone-versunkenen studenten nicht mehr begreifen kann. und er ist es, er spielt es nicht nur. schulze wirkte schon in anderen richter-stücken mit und war immer die rolle. faszinierend. der smarte tilman strauß kommentiert die figuren und muss wie schulze auch mal ausdruckstanzen und das gelingt geschmeidig. die betagte rotblonde theaterdame ilse ritter hat einen gastauftritt und bringt poetische nostalgie mit ihren gedanken ins spiel. als die liebe noch nicht über ein smartphone abgewickelt wurde...
gleichzeitig ist sie eine demente mutter, die sich nicht mehr an ihre tochter erinnern will. jule böwe übernahm kurzfristig die fast-hauptrolle und regt sich auf. dass niemand mehr zurück ruft, dass sie ihre freunde kaum noch treffen kann, dass alle so total "busy" sind. die szene in der tilman sich auf dem sofa verrenkt und ihr das totale busy-sein verkaufen will, aber die eine gemeinsame nacht nur noch schnöselig abhakt, bringt sie und uns zum nachdenken.
das schafft richter noch des öfteren, dass man sich fragt. und das will er auch. nur wo sind die antworten? 
anfangs inszeniert er wie gewohnt, monolog an monolog, ekstatische körper, verwirrte seelen.
doch dann kriegt die inszenierung einen lauf, indem er die drei tänzer von total brutal einbindet, szenischer wird, die figuren sich verknüpfen.
viel text bleibt, aber es bauen sich geschichten auf.
zum nachdenken.
von den richter-inszenierungen die mir bisher liebste. auch wegen des künstlichen waldes, der hereingetragen und zu einem sehnsuchtsort wurde.
dass ich danach gleich wieder zum smartphone griff aus einer automatisierten gewohnheit heraus ist eine antwort, die ditt frollainwunder in frage stellen sollte. ob das forever so bleibt?
Kritik zu: Dämonen
''gottes gemetzel'' trifft auf ''wer hat angst vor virgina woolf'' trifft auf lars eidinger, der hier mal wieder aus der geschmeidigen hüfte heraus die aufregende performance-runde dreht. ein bisschen schaubühnenprinz-eitel, klar, aber gekonnt und der rolle dienend.
als schnöseliger kotzbrocken frank mit aussagekräftigem brillenmodell, in weißen jeans und braunen wildleder-schuhen, stolziert er durch die drehbare kulisse einer halbgestylten yuppie-wohnung unterm dach. katarina (porzellanfrau cathlen gawlich), die feinnervige blondine an seiner seite, treibt ihn in den wahnsinn mit spitzfindigkeiten, demütigungen und ihrer schlamperei. frank wird zum kaltschnäuzigen despoten mit kalkuliertem charme, verwehrt ihr, was sie wünscht, grausamt: ''ich liebe dich, aber ich mag dich nicht''. der pärchensatz des abends. lauert nicht in so vielen seifig-schönen er-sie-wir-verbindungen unter der oberfläche die aggression, die teufelin, die den blick in den spiegel fordert? nur wer hat den todesmut dazu.
es klingelt an der tür. jenna (eva meckbach mit den rehaugen), die nachbarin von unten, hat vergessen reis zu kaufen und entschuldigt sich tausendmal. da frank ein einsamer abend mit katarina bevorsteht und sich auch diese vor seinen angriffen fürchtet, lädt man sich lauernd das überforderte hippie-happy-paar ein. jenna und thomas (tilman strauß in ökobaumwolle) sind so ganz anders. haben kinder, sind sich doch noch nah und anhänglichen. aber durch franks sadistische giftspritzen-attacken bricht auch aus ihnen im laufe des künstlichen pärchen-abends die enttäuschung, die wut, die erschöpfung heraus. eine heile welt bricht zusammen, eine eiskalte welt nährt sich daran. frostig-bitter ist es jetzt. und grausam wahr.
regisseur Thomas Ostermeier seziert scharfsinnig die vorlage von lars noren und hat vier schauspieler gewählt, die ihm gnadenlos folgen und die bühne dreht sich, die sprachlosigkeit wächst, das scheitern steht im schaubühnensaal wie ein monument.
ein intensiver abend, ein hin- statt wegschauen. faszinierend.
lars eidinger geht als frank an einige grenzen, greift an, packt zu. katarina zeigt sich halbnackt und verletzlich. jenna jammert sich in ihren dauerschwangeren körper hinein, thomas will nur weg aus diesem dauerschleifen-leben. man fühlt mit und bekommt es auch mit der angst zu tun. hier serviert die beziehungsteufelin ein best of und hält den grausamen spiegel vor. großartig.