Kritik zu: Bella Figura
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
ein ostermeier-coup. yasmina reza schrieb nun doch noch ein stück nur für die schaubühne. ließ sich von nina hoss und mark waschke inspirieren und so erlebt man die beiden als angespanntes affären-couple. nina als andrea raucht, zieht schnute, schnappt irgendwann ein wenig über, wird weinerlich, etwas anhänglich, spart nicht mit kritik an boris (mark). der wiederum outet sich dann als gescheitert, insolvent. firma pleite, haus belastet. gattin in unkenntnis, auch über diese affäre, die ihn nur ablenken sollte. in der abendsommerlichen szenerie (mal im auto, im restaurant, auf der terrasse, in videokünstlereien zappeln insektenkriechwesen) tauchen die gegenspieler auf. das paar yvonne (elegant) und eric (lässig) und erics tüddelige mutter francoise. man kennt sich. leider, so muss boris feststellen und er scheitert dann auch daran, die offensichtliche affäre mit der launigen andrea zu vertuschen.
die 105 minuten sind massenkompatibel konzipiert, das theater am kudamm lässt grüßen mit bissigen plaudereien, die nicht zu sehr in untiefen rumsuchen. konflikte tauchen auf, verziehen sich wieder. erotik taucht auf, verzieht sich wieder. sehnsüchte tauchen auf, verziehen sich wieder.
nina hoss gibt die enttäuschte andrea ganz echt und sehr natürlich, mark waschke taktet boris dynamisch und etwas angestrengt ein, kommentierte auch mal die reaktionen im publikum.
die drei gegenspieler sind ebenso routiniert und spielintensiv. und so amüsiert man sich, schaut zu, muss aber nicht weiter drüber nachdenken. wer sich danach sehnt, dem sei "dämonen" empfohlen, hier lässt ostermeier den pärchenkrieg bitter krachen.
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Armin Petras zaubert das spröde der nostalgischen vorlage einfach weg
wer hat angst vor christa wolf? auch wenn ich ne 74er ostmieze bin, christa wolf hat irgendwie an mir vorbeidoziert. ich habe also nichts belastendes assoziert mit der textbotschaftsstarken kultschriftstellerin der ehemaligen ddr.
es fängt schonmal gut an. regisseur Armin Petras (unter dessen intendanz im maxim-gorki-theater ich dort das letzte fühl-stück gesehen habe, die vitale gladow-bande) hat sich die spröde liebesgeschichte zu herzen genommen und viele schöne ideen eingeflochten. der fast schon intime theatersaal ist geteilt, je sechs reihen, eine quasi "ost", eine "west" und mittendrin ein (lauf)steg, die symbolische mauer, der weg, die verbindung.
jule böwe als rita seidel zeigt sich zerbrechlich, mädchenhaft verliebt, großäugig verträumt, aber auch kämpferisch (wenn sie in der ostfabrik ihr bestes gibt im blaumann und am kompressor, tilman und kay an ihrer seite).
die rolle ist nicht extrem angelegt. jule pokert mit der körperlichen ebene, ihre nasale stimme (die auch mal leiert, wenn es dramatisch wird) markenzeichnet ihre rita-version und das ist dann eine sanfte symbiose. tilman strauß, der smarte mit der leidenschaftlichen energie und den rehbraunen augen, geht als chemiker manfred mehr als sonst aus sich heraus. schaubühnen-stabil-star kay bartholomäus schulze tritt hier gewohnt versiert und gelassen auf, vor allem als psychiater, der rita baldige genesung diagnostiziert, nur wohin soll und will sie nun?
das nostalgische wurde fein dosiert. die wände um uns rum waren mit hellen plastikfolien bespannt, einer klinik ähnlich. auf den steg wurden proaktiv von jule, tilman und kay in ihren rollen anfangs glasscherben aus blecheimern gekippt, nun geht mal euren weg! die darsteller konnten aber auch durch den raum rennen, um uns rum, wenn die erzählung bewegung brauchte. videoeinspieler zeigten die "alten zeiten", rita und manfred in privaten heimeligen szenen. am anfang zoomen zwei kameras auf das sehnsüchtige paar, jeder sitzt auf einer seite in der ersten reihe und sie fragen einander, reden, blicken zurück. mitten unter uns und doch getrennt.
die 90 minuten sind nicht laut aber spielstark, die drei vom vitalen schaubühnenensemble sind wunderbar besetzt! Armin Petras verbindet die in den texten auch mal spröde vorlage der wölfin durch seine kreative regieader mit uns und so bleibt die inszenierung (um mal in einer farbskala zu bleiben) pastellig. irgendwie frühlingsfarben mit der wehmut des herbstes, wenn rita zurückschaut oder nach vorn.
Kritik zu: Hamlet
als schaubühnengroupie, das dort schon viermal ostermeiers "hamlet" mit lars eidinger gesehen hat, ist es natürlich gewagt, ins berliner ensemble zu stiefeln. ich bin aber neugierig genug und durchaus offen für andere interpretationen, habe hier aber schon nach 15 minuten mein inneres kulturtheatertürchen geschlossen und angestrengt auf die pause gewartet (die allerdings erst nach zweieinhalb stunden kommt. da ist in der schaubühne schon fast alles auf hinreißendste gesagt und getan, was man nur sagen kann zu dieser weltberühmten vorlage).
haußmanns hamlet ist mit christopher nell als protagonist (sonst eine putzige tinkerbell in "peter pan") ein blasser fahriger abklatsch, ein bürschchen, dem man nicht viel sympathie abgewinnen kann. größenwahnsinnig, klar, aber dabei hektisch, albern, überheblich, möchtegern. die hauptfigur schafft es nur in schüben auch den hauptplatz auf den brettern einzunehmen. dann müssen aber auch schon eingeweide verteilt werden (oder ein gehirn geworfen), blut spritzt literweise, zuschauer werden "bedroht" und angefasst mit kunstblutverschmierten händen. das sollte irgendwie an tarantino erinnern. da kann ich nur lachen.
irgendwann wird man müde vom regie-muff. der einzige verstaubte regie-kniff ist die ewig im kreis rotierende bühne (nicht nur linksrum, auch rechtsrum!), die dynamik in die handlung bringen soll (nur das diese sich schon in den steifen texten aufgehängt hat). als symbolfiguren "schwarz und weiß" stolziert das berlin-duo "apples in space" mit haußmann-poeten-sohn phil und einer norwegischen julie durch die pappkulissen. mit engelsflügeln, schifferklavier und leierigen singer-song-writer-"lalas" nervt das musikalische minikonzept irgendwann aber nur noch mit den wehleidigen liedchen und zieht energie aus der satten thematik. aber satt ist ja hier gar nichts.
und dann drehte sich wieder die bühne. und die weißen pappkulissen wackelten...
geschockt war ich von der besetzung des königspaares, hamlets mutter "gertrude" ist eine tranige alte dame, die zwar herz zeigt aber wenig leidenschaft und komplett überfordert ist vom söhnchen.
der "oheim", der onkel und hamletvatermörder, ist mit roman kaminski unterirdisch besetzt. ein fast schon uralter könig im schwarzweißen anzug. kaminski nuschelt den text in einer rekordgeschwindigkeit runter, die vermutlich total professionell oder senior-elegant wirken soll, aber komplett verhindert in den text einzusteigen. das gelingt eh fast nie. die sätzen werden oft nur doziert oder aufgesagt. die figuren kommunizieren nur höflich interessiert miteinander. die doch so wichtigen nebenrollen sind entweder albern oder blass besetzt. nur ophelia reißt es mit ihrem charme und ihrer niedlichen verzweiflung etwas raus (warum sie aber so an diesem dänenprinz hängt bleibt ein rätsel). hamlets vater, der erstmal nackt erscheint und dann zum bleichen geist mutiert, kommt zumindest vital daher, so lange er noch leben darf.
haussmanns version ist zu einer provinziellen shakespeare-flachnummer geworden, die nur staub aufwirbelt statt uns mitzureißen.
die flucht vor der ermüdenden regiemeisterleistung gelingt zur pause (der shakespeare-schinken zieht sich dann noch bis auf 3 stunden 30 minuten.) vorher muss man erstmal die knie und beine wiederbeleben, auch der "sitzkomfort" im berliner ensemble ist eine echte prüfung.