Kritik zu: Faust I und II
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
regisseur Robert Wilson ist der kult-märchenonkel des berliner ensembles, wird mit feinstem budget ausgestattet und bekam wieder den zuschlag von herbert grönemeyer als komponisten.
die bildsprache bleibt ausdrucksstark, gern schwarz/weiß, schattenreichzitate, immer fantasievoll- manchmal verharren die szenen statisch in momenten zum wegträumen. die protagonisten sind wie stets maskenhaft weiß geschminkt, augen und mund betont, dürfen viel staunen, kindlich agieren, slapsticken.
aber vier stunden faust? (mit einer pause nach 100 minuten). funktioniert das? in wilsons welt natürlich, da wird faust 1 und 2 zum kompakten fast schon kindertauglichen pop-up-theater mit live-band. gretchen mit den geflochtenen zopfschnecken taucht dreimal auf, faust selbst vierfach. nur mephisto ist alleinherrscher. und mit christopher nell großartig besetzt. so keck, übermütig, ironisch und auf den punkt wird der böse hier fast zum publikumsliebling.
jedenfalls ein ziemlicher spaß, nachdem nell bei "hamlet" unter haußmanns regie in der hauptrolle steif scheiterte. wilson hatte ihn wiederum schon als ebenso keck-freche tinkerbell in "peter pan" besetzt und auch hier glänzte er putzig.
"faust 1 und 2" ist kein abend zum tiefschürfen in diesem deutschen ur-klassiker, dazu meidet wilson zu gern die abgründe oder deutet sie nur kurz pflichtbewusst an.
einfach unkompliziert genießen, auch die sprach- und zitatgewalt und sich von der fantasiewelt wilsons einfangen lassen! von kopflast zu herzlast.
Kritik zu: Don Giovanni
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
der massenkompatible moooozart ist unter den opern-komponisten eigentlich nicht mein favourite, zu spaßig, zu tiriliii, auch die stets sich mehrfach wiederholenden textzeilen fordern meine geduld.
(das kecke in den handlungen ist natürlich durchaus amüsant.) den "don giovanni" hat gaga-guru Herbert Fritsch inszeniert. sein "murmel murmel" an der volksbühne ist ein gaga-freuden-taumel-traum an slapstick und farbenpracht. und er bleibt beim don juan dieser offensichtlich konsequenten, ziemlich durchgeknallten linie treu. die kostüme von victoria behr explodieren hemmungslos in stoff, farbe, drama und tatütata.
günter papendell als ober-don gaga-gio ließ sich als kauzigen batman-joker maskieren und treibt seine mimischen fähigkeiten in herrliche grinsekater-zonen. don giovanni der schlingel, der clown, der dreiste eroberer. kraft-bariton papendell zieht so viel aufmerksamkeit auf sich und wird von den fans bejubelt. fast jede szene erntet sofort applaus, die version von fritsch ist zum kult mutiert (und wird leider erst wieder im april 2016 aufgeführt). erika roos als donna anna, das liebeshungrige propper prachtweib in rotblond, breitet ihren sopran voluminös aus, schmollt und kulleräugelt.
das bühnenbild ist ein meer aus geprinteter damenstrumpf-spitze in schwarz/weiß, ein perfekter hintergrund für all die farbenpracht des ensembles. (papendell ist pink-bestrumpft und trägt ein lila satin-kostüm, das angestellten-chor-volk darf fratzen schneiden und irrwitzige hüte tragen).
nach anderthalb stunden gibt es eine pause, bevor es in den zweiten teil geht. gute drei stunden taucht man hier in mozarts absoluten verführer-spaß ein (manch einer dämmert dann doch mal kurz weg). wer es erträgt, dass dieser star-macho von fritsch maßlos verulkt wird, von papendell kauzig-komisch interpretiert wird, wird mit viel frohsinn und guter laune erfreut.
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
kritikerkritiken lese ich um zumindest zu erfahren, was passieren wird auf der bühne. somit wusste ich von den ''ekel''szenen (ein ''baby'' wird geschlachtet, ein bischof ''scheißt'', genitalien werden verstümmelt, was für mich aber hier vor allem symbolisch wirken sollte) und der gern blasierten antipathie dem regisseur und stück gegenüber.
die volksbühne war aber ausverkauft, das ''volk'' also trotzdem interessiert und nicht genug abgeschreckt von dem, was schon eifrig berichtet wurde.
nach intensiven 90 minuten applaus, der sich aus viel aufmerksamkeit speiste. für das vitale ensemble, das hier mehr leisten muss als üblich und das man achten wird.
radikal-regisseur johann kresnik (75) zielt mit wucht in die totale breitseite gegen menschenverachtende konzerne, die bigotterie der kirche, die verlogenheit der politik.
die bühne ist als riesiger knallbunter konsumtempel angelegt, von gottfried helnwein reinmontiert. das ist der schauplatz der botschaftsstarken schlacht um den konsumfaschismus, den kresnik hier zur wurzel des übels erklärt. warum, wird er aufzeigen in bildgewalt.
auf der einen seite die verrohten vertreter der macht, auf der anderen die opfer (die man hier symbolisch zuordnen kann). es wird so grausam, wie macht grausam ist.
der dunkelhäutige choreograph ismail ivo, mit 60 jahren noch körperlich ein kraftwesen, lässt die tänzer aus den körpern heraus schmerzen, auch nackt, nie voyeuristisch und somit berührend.
die inszenierung langweilt keine sekunde. die wucht landet nicht in der magengrube sondern in der herzgegend. ich hatte das gefühl, kresnik legt mir ein blutendes zuckendes herz in die hände und prüft, ob ich das aushalte. wenn man doch pathetisch werden will, und das will ich hier unbedingt bei diesem abend: es ist das herz der welt.