Kritik zu: Ophelias Zimmer
und dann macht es wieder pling. pling, pling, pling!
die herbe regisseurin katie mitchell, die mit "forbidden zone" oder "die gelbe tapete" mit ungewöhnlicher regie bestach, hat ihr gängiges konzept aus live-vertonung, kamera-sause-fahrten und verschachtelten kulissenräumen bei "ophelias zimmer" auf ein minimum reduziert. leider. die szenischen momente trennt ein stetes "pling" aus dem off, das einen irgendwann eeeetwas in den wahnsinn treibt. ophelias wahnsinn steigert sich ebenso, wie bekannt.
mitchell hat ein kahles, fast klösterliches mädchenzimmer entworfen, es knöcheltief versenkt (und lässt es später mit wasser fluten). ein metallenes bett, ein schränkchen, noch eins, ein trutschiger sessel. rotblondschopf jenny könig, die auch in "hamlet" seit einer weile die ophelia leidensvoll gibt, übernimmt auch hier die ewige opferrolle. die rehaugen erstarren, wie so oft, die verzweiflung wächst im kindlichen gesicht, wie so oft. viel zu sagen hat ophelia uns nicht. aufstehen, anziehen, sticken, hinlegen, zudecken, aus dem imaginären fenster schauen, einem käuzchenschrei lauschen, schuhe an, schuhe aus. "blumen" sagen, als das zimmermädchen ihr wie jeden tag frische bringt. die blumen angewidert wegwerfen. der vater ruft ab und zu ihren namen, ophelia horcht auf, zieht die schuhe mal wieder an, stürmt aus ihrem bühnenzimmer hinter die kulissen. wohin und warum, keine ahnung.
hamlet sendet kassetten mit liebesschwüren, mal zärtlich, mal geil. das  brave mädchen hört sich diese leicht erschrocken immer wieder an. mama spricht aus dem off tröstliches und warnendes an ihr kind.
das war es dann auch schon an weiteren erkenntnissen zu shakespeares nebenfigur. ophelias alltag ist trostlos, ihre seele verloren, eine erlösung gibt es nicht.
wir schauen zu und fühlen das gleiche. das kann man jetzt als clou der high-level-regisseurin verkaufen, nur wenn dieses sensationelle konzept nicht zündet, verabschieden sich die zuschauer lieber, innerlich und äußerlich. (im dunkeln flüchten so einige erschöpft, ein herr mit bart rastete zwischendurch mal kurz verbal aus mit "so ein scheiß!", schaffte es aber auch nicht zu gehen.) wer eher im rechten block sitzt, hat nicht einmal die chance wenigstens den mitchell-kultigen "geräuschekasten" zu beobachten, in dem renato schuch mit den dunklen locken und dem durchdringenden blick über steinchen läuft, texte raunend spricht (die von hamlets vintage-kassetten), türen öffnet und wieder schließt (was der regisseurin sehr wichtig zu sein scheint).
mr. renato ist der einzige, der sich an dem abend voll konzentrieren mag und mit seiner energetischen aura bannt. die lethargie bei den zuschauern setzt trotzdem ein, die monotonie der szenen ist der unendliche trübsinn.
renato stürmt auch mal die hauptkulisse, in das zimmer des scheuen mädchens. gibt einen aggressiv-verliebten hamlet mit dominanter aura, performt einen angespannten balz-tanz zu "love will tear us apart" von joy division und kassiert erlösten szenenapplaus vom in lethargie unerlösten publikum, das die 120 minuten tapfer zählt. dann hält uns wieder das stete "pling" aus dem off wach. vermutlich der wahre clou. ophelia und das pling.
am ende sinkt die hauptdarstellerin mit der eher enttäuschend eindimensional angelegten rolle in ihrem zimmer in das flutende wasser, nachdem sie auch noch den vater verlor. sehen können wir das leider nicht, das metallene bett versperrt dieses mal aus dem linken block die sicht. die blumen schaukeln durch die selbstmörderische wasserkulisse.
zwei stunden ohne weitere erkenntnis zu ophelias innenleben gehen zu ende. dabei klang das konzept durchaus spannend. ophelia, wie geht es dir denn wirklich? wir wissen immer noch nicht viel von dir.
Kritik zu: Don Giovanni
ildebrando d'arcangelo. wie der name, so auch das durchdringende charisma. zu sehen auf dem fotodurchlauf im webauftritt der deutschen oper. herr ildebrando mit dem glutäugigen blick war der star der premiere des don giovannis 2010.
2015 verkörpert den aufreißer nun davide luciano, recht klein im wuchs, recht jung im gesicht. die eitle dauerpräsenz des don übersetzt er ins gockelhafte. sein bariton ist kraftvoll.
an seiner seite seth carico als durchtriebener gefährte leporello, der das haar seitlich rasiert trägt, einen bart und eigentlich auch aus einem schwulen nachtclub gefallen sein könnte. um die abgründe der stadt geht es regisseur roland schwab offenbar besonders. sein entwurf einer lasterhölle ist aber so dermaßen klischee, hilfe. fetischgummifummel, rotlichtgeblinker, albern-geiles gebahren, auf dem boden überall schwarze mülltüten oder verlorene lustopfer. leporello treibt ein täuschungsmanöver in eine mülltonne, die nun als verkleidung dient.
schwab dupliziert den aufreißertypus mann mit einer in schwarze anzüge gekleideten herrenriege. die stehen mal starr herum, bilden eine mauer oder feixen, zappeln, wälzen sich. und lenken ab.
2010 waren offensichtlich golfschläger in, diese dienen nun ständig als machtinstrument. damit wird getötet, entjungfert, gedroht. den opfern wird überheblich ein golfball in den starren mund gedrückt. zwischendurch gockelt don giovanni herum, verteilt gelbe karten, zählt damit kalt den countdown seiner opfer runter und leporello spielt das grausame spiel mit. 
und die damen? donna anna, deren vater von don ermordet wird, ist die unglückselige. donna elvira, die unglücklich verliebte, eifersüchtige. zerlina wird vom frauen-inhalierer bei ihrer hochzeit überrascht und als noch unschuldige beute weggeschleppt. auch sie wird nicht mehr glücklich.
stimmlich ist der abend ausdrucksstark besetzt. das italienisch perlt, die übertitel laufen in deutsch und englisch. mozarts musik zieht ihr drama aber mehr aus herzeleid. wo ist der wumms, der wirklich in den (seelischen) abgrund zieht? in den schwarzen mülltüten?
das platte bühnenbild war keine augenweide (etwas romantik keimte kurz bei der hochzeitsszene auf mit beleuchteten weißen papierblumen). wenn es komisch werden sollte, schlug der performance-kaspar zu. das finale, in dem don giovanni seine abrechnung erhalten soll, bauscht sich auf in angstgebärden. 
schwab lässt den herzensmörder aber davonkommen. die konfrontation mit dem komtur ist nur symbolisch und an die zuschauer gerichtet.
schön sind die annäherungen an das publikum über einen um das orchester gebauten laufsteg. vitalität kann sich kurz entfalten, ansonsten ermüdet die hau-drauf-gestaltung. 
mit einem kleinen seufzer gedenkt frollainwunder inszenierungen wie dem "freischütz" oder "don carlos" an der staatsoper. es geht doch mit (ungewöhnlichem) stil. man muss einen klassiker nicht unbedingt absurd gestalten um zeitgeist (2010) einzufangen. und wenn schon absurd, dann empfiehlt sich die konsequent durchgeknallte inszenierung von mr. murmel Herbert Fritsch an der komischen oper.
aber die deutsche oper ist ein komfort-traum. 
(zur vorstellung vom 1.11.15)
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Yael Ronen hat ein wunderbares ensemble in szene gesetzt
die jüdin mascha musste als mädchen mit ihrer familie aus baku flüchten. die erinnerungen daran schmerzen. Yael Ronens regie-version der gehypten buchvorlage von olga grjasnowa steigt aber später ein. mascha (herzilein anastasia) ist total verliebt. in elias. sympath knut berger mit dem hipsterbart stellt sich lässig und grinsend vor und die paar-chemie stimmt sofort. die ganze chemie des abends stimmt. auch maschas side-kick, ihr bester schwuler türkischer freund cem, der die einzelnen kapitel ironisch(-rappend) auf der gitarre begleitet, und ihr smarter ex-freund sami sind großartig besetzt. sehr natürliches spiel, das die aura eines intensiv-dahinfließenden spielfilms bekommt.
dafür sorgen auch die schönen regie-ideen, die wirkungsvoll die szenenwechsel bebildern, ob im wald, im krankenhaus, in einem restaurant, mit (russischen) songs.
die große birke, die als einzige deko quer über der bühne liegt, richtet sich am ende auf. da hat mascha den tod ihres geliebten elias (durch einen unfall beim fußballspielen) etwas verarbeiten können durch einen neubeginn in israel und einer frischen liebe (zu einer frau).
ihr schmerz sitzt aber noch sehr tief und breitet sich zu hoffnungslosigkeit aus, die bitter nachvollziehbar ist. sie beendet ihre leidenschaftliche reise, auf die sie uns offen und verletzlich mitgenommen hat, mit: "menschen werden zu blitzen, erinnerungen sind irreführend." ein wirklich schöner, frisch inszenierter theaterabend, poetisch, lustig, leidenschaftlich, verspielt, berührend, wehmütig.
(vorstellung vom 18.10.15)