mal wieder der versuch einer annäherung an die antisemitische gottheit wagner. von seinem frühwerk "rienzi" war ich hingerissen, romantische weisen für die romantische seele (und leider eine regie von philipp stölzl in der deutschen oper, die nicht müde wurde, nazi-symboliken in endlosschleife zu zitieren).
die inszenierung "tannhäuser und der sängerkrieg auf wartburg" (premiere 2008 ) von intendantin kirsten harms, die 2011 die deutsche oper verließ, wurde mal wieder ostersonntag gezeigt (diverse plätze noch frei).
während das werk in düsseldorf 2013 skandalös verhunzt wurde mit dem aufmarsch von ss-schergen, der installation einer gaskammer, venus in nazi-uniform und im blutrausch, hält sich kirsten harms weitestgehend an die ja doch irgendwie unschuldige vorlage der auch wieder romantischen geschichte. tannhäuser sehnt sich in den armen der wollüstigen bildschönen venus zurück in das irdische reich zu seiner elisabeth. beim wettbewerb der sänger preist er aber hitzköpfig die leidenschaft, die ihn mit venus verband. und wird dafür vom landgraf verurteilt buße zu tun in rom. die pilger kehren vor ihm zurück. tannhäuser fleht erschöpft zu venus und zu elisabeth. die immerhin verzeiht ihm, wird schmerzerfüllt sterben, und seine seele findet erlösung. heldentenor stefan vinke gab den tannhäuser mit einer enormen und erstaunlichen wucht. erst mit ende 20 fand er zur oper und ist seitdem der wagner-spezialist. ein kraftstrotz, aber kein berserker. ricarda merbeth als venus und elisabeth mit wallendem platinblonden endloshaar verdiente sich ebenso heftigen applaus. der chor der deutschen oper bildete den großartigen rahmen der leidenschaftlichen vorlage.
offensichtlich neigt kirsten harms zum entschlossenen pathos und ließ z.b. dutzende ritterliche uniformen von der decke baumeln, wucherte mit treppenstufen (für den chor), baute metallene krankenbetten über den gesamten bühnenboden auf (in denen die pilger auferstehen). für die umbauten wurden die beiden pausen genutzt, die inszenierung nimmt sich dreimal eine stunde zeit, in denen wagner sich auch zeit nimmt um spannungsbögen aufzubauen, geduld. in der letzten halben stunde, als tannhäuser, elisabeth und der chor um erlösung für den hauptdarsteller ringen, rollt eine unglaubliche welle auf uns zu. stimmgewalten zum niederknien. erst sprachlosigkeit, dann riesen-applaus.
vorstellung vom ostersonntag, 27.3.2016
Kritik zu: Die Mutter
lehrstück über eine revolutionärin. von der anhänglichen mutter, die ihren sohn beschützen will, zu einer kämpferin. besetzt mit ursula werner, ostberlinerin, mittlerweile über 70, auch bekannt aus dresens "wolke 9" als senior-revolutionärin (die sich nackt und pur der liebe im alter hingibt). als mutti wlassowa in brechts vorlage (nach gorkis roman) zeigt sie sich hochgeschlossen, bis zum kinn in ein langes schwarzes zugeknöpftes kleid versunken. die haare als dutt, die mimik alltagsmüde. sorgen um das tägliche brot, sorgen um die miete, sorgen um sohn pawel. der erträgt die ungerechtigkeiten in der russischen provinz nicht mehr, will den kampf der arbeiter gegen den fabrikbesitzer unterstützen, und ist dabei nicht allein. die jungen revolutionäre begeistern dann auch mutti wlassowa. die lernt lesen, die welt besser zu verstehen und sich bauernschlau und mit kämpferischen herzen für die marxistischen werte einzusetzen. regisseur peter kleinert, der am rande der bühne in einer ecke platz nahm, hat die aus der zeit gefallene vorlage entstaubt, seinen ernst-busch-schülern den trockenen text vorgesetzt und sie erst einmal darüber nachdenken lassen. die kurzen video-einspieler dazu zeigt er anfangs und am ende. dann klimperts am klavier. mark scheibe, heute in einer anderen berlinrevue, untermalt empathisch die politischen liedern, der fuß wippt, der pony auch. sozialistischer gruß von hanns eisler.
der dunkelhäutige elvis, daniel, benjamin, thimo, felix, celina und rosa sind die jungen wilden, die im studio der schaubühne "die mutter" in zweieinhalb stunden irgendwie nach 2016 bringen wollen. mit tempo, und diesem blick zu uns, dass wir uns gefangen nehmen lassen sollen. nicht so leicht, denn das stück spielt in einer zeit, die fremd ist, vergangen. aber die sorgen, die angst, das erdrückende kapitalistischer strukturen blieb. jetzt aber mal hoffnung und spielerische wut. die jungen wilden geben gas, rattern die szenischen texte frisch und neu runter, jagen durch die schnöden praktischen kulissen, singen, rappen, wüten. verbinden sich freundschaftlich. und erzählen mit friedvollen herzen brechts klassiker in kapiteln. ursula werner ist die mit der satten rolle, die bleibt, die die mutter ist. während das ensemble um sie herum frech wirbelt, verliert sie sich nicht. gütig, mutig, tapfer. die mutter.
die ihren pawel verlieren wird und deren erschöpfte trauer berührt.
der abend ist etwas zu lang geraten, das thema brennt 2016 nicht mehr so einfach, aber das ensemble ist so leidenschaftlich, dass man sich dann doch gefangen nehmen lässt.
Kritik zu: Clavigo
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das abo-publikum hat sich dann doch erschrocken, wo goethe drauf steht ist ja ein seltsamer goethe drin, fast schon ein punk!
susanne wolff spielt und performt feminin gekleidet clavigo, den liebesganoven und leidenschaftlichen dichter, goethes alter ego. die liebe berauscht ihn, so lange sie keine fesseln trägt.
der lange schmale marcel mit dem weichen halblangen haaren gibt die marie, die traurige, die doch hoffnungsfrohe, die verzweifelte. dt-hausregisseur Stephan Kimmig, jahrgang 1959, gendert die vorlage. die frauenrollen übernehmen männer, die männerrollen frauen, es heißt aber nicht die marie sondern der marie. nur clavigos buddy carlos bleibt er selbst.
susanne wolff, die lars eidinger des deutschen theaters, räkelt sich performance-rauschhaft in der rolle des filous, im schönen gesicht wechseln die launen, ironisch ist der fraukerl, komisch, eitel, stolz. clavigosusanne stakst und tanzt, prüft uns, wirft ihre punkige platinblonde kunstmähne, zeigt kokett ihre highfashion-fummel.
da steht ein mikrofon, mit einer loopmaschine, clavigosusanne botschaftet in leidenschaftlichen monologen, wehmütelt, mariemarcel wird zum mick-jagger-verschnitt mit seiner antwort. ist die musik mitreißend performed wird es wieder ruhiger, die texte goethes bleiben bei kimmig das zentrum, klassisch, frech, interessant.
auf der bühne immer nur ein riesiger ballon mit buntem stoff und korbgeflecht. videokunst wird wie ein digitaler rahmen eingesetzt, zeigt clavigo und marie schwarzweiß, eine beziehung wie ein roadmovie. wo clavigosusanne losgelöst und charmant spielt, gibt sich die mittlerweile hochschwangere kathleen intensivkonzentriert. szenen auf den punkt, eine großartige interpretin ihrer rollen (auch maries bruderschwester). im würstelbehangenen rock als josephine baker des abends zitiert sie völlig gelassen aber verführerisch goethes derbkeckes werk "hanswursts hochzeit". carlos flapsiger kommentar dazu: "ja, das war auch goethe".
am ende des komödiantischen dramas setzen sich alle eine rote nase auf, die musike poppt und in knalliger montur wird nur noch albern getanzt. auch eine aussage.
i love diese inzenierung, frollainwundergagatoll.