Kritik zu: Sayonara Tokyo
oh, alles so schön bunt hier! als die schwarzen deko-vorhänge endlich fielen bekam das kleine frollainwunder in mir riesengroße kulleraugen. stephan prattes hat ein kolossales kitschreich installiert und lässt den nostalgischen frühling-sommer-herbst-und-wintergarten in farbe und grafik explodieren mit mangas, computer-spielfiguren, pokemons, drachen, wolkenkratzern. prattes, anfang 40, ein wiener regisseur und bühnenbauer in berlin, verpasste schon den shows der geschwister pfister den putzigen schmäh, und kann und will bei jeder produktion, an der er beteiligt ist, glücklicherweise seine fantasie nicht bremsen. bei der aktuellen jubiläumsproduktion (25 jahre glitzerwinterwundergarten) „sayonara tokyo“ geishas! tamagotchis! edelweiß! bis 11. februar 2018. führt er auch die regie und das show-gesamtpaket macht überfröhlich und das hyperherzl flirrt. es koketten kess durch den abend die showgirls yoko, nancy und heidi (natürlich blond). mit singsang, showtreppchen und charmanter moderation verzuckert das japanisch-deutsch-amerikanische püppitrio den verspielten revue-traum. sixties popsongs mit japan-bezug (u.a. „mitsou“ von jacqueline boyer, "nagasaki boy" und "bye bye yokohama" von den peanuts) amüsieren wie zu nostalgischen öffentlich-rechtlichen-fernsehzeiten. prattes lässt aber auch „hiroshima“ von wishful thinking/sandra als melancholischen rockklassiker und „big in japan“ von alphaville interpretieren, vom american girl im leder-dress. von knallbunt zu melancholisch und zurück. die regie lässt keine emotionen aus und so bleibt der spannungsbogen elastisch.
silberhaar-senior takeo ischi, jodelnder japaner aus dem chiemgau, übernimmt die rolle des entertainers, gackert kultig zu an der digitalwand hüpfenden tamagotchi-küken und kann auch den smarten karel gott mit japanischem pop und wehmutsballaden. die live-band um jo roloff ist gelassen routiniert und hält den durchgeknallten japan-trip professionell zusammen.
yo-yo-spieler und weltmeister naoto gibt den jungenhaften spiele-nerd mit der rutschenden brille. da staunen auch kichernd die niedlichen manga-mädchen in den schulkostümen und die supercoolen boys breakdancen. die vier von tokyo jumpz lassen die schulhof-hopserei mit ihren seilen zu einer wettbewerbsdisziplin werden und das federleicht. definitiv die superhelden (wie supermario) jedes kindes! arisa ist die ästhetische akrobatin an tuch, ring und in der welt der grazilen geisha. herr senmaru im kimono balanciert teekannen auf einem stöckchen und trommelt später schwebend, like a samurai. möglich macht das uli-k, ein höflicher industrieroboter, der die künstler trägt und dreht, eben zur trommelfläche wird oder einen ball balanciert.
oh wer tappst denn da herein? die welt der bunten tamagotchis, winke- und doraemon-katzen wird menschengroß und spielzeugland-allerliebst. winke winke von den maskottchen! aber japan ist auch kirschblüte, zinnoberrote sonne, fujiyama und traditioneller gesang zur wehenden flagge. mit „sayonara tokio“ hat sich berlins schönstes variete-theater eine umwerfende exotische revue geschenkt und uns gästen einen zauberhaften abend.  
ein weiteres wow erlebt man, wenn man das sanitär aufsucht und in die architektonische fantasiewelt von hutdesignerin fiona bennett hinabgleitet auf der hellen wendeltreppe.
wintergarten, zaubergarten, kitschparadies – berlins zentrum der kinderträume und erwachsenen-sehnsüchte!
Kritik zu: Tosca
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frollainwunder und herr puccini. eine liebe für die opern-ewigkeit. mein zutiefst romantisches herz (hinter der berliner klappe) schlug besonders heftig bei der inszenierung von „tosca“ in der deutschen oper. diese tosca hatte ihre premiere 1969, 45 jahre nach puccinis tod und 5 jahre vor frollainwunders geburt. dass diese inszenierung noch immer gezeigt wird ist eine göttliche gnade, denn sie ist einfach nur berauschend schön. edel, klassisch, venezianisch, stimmig und stimmungsvoll, opulent authentisch. und so nostalgisch. nostalgie sei die wurzel der romantik.
in drei akten entblättert sich das drama um vollblütlerin tosca, ihrem charmantem mario (cavaradossi) und dem machtberauschten polizeichef scarpia. dieser spinnt hinterhältig und eigennützig seine fiesen fäden und toscas wehr-mut wird zu wehmut und tiefer trauer. in drei akten geht es um liebe, macht und leid. die ukrainerin liudmyla monastyrska interpretierte im herbst 2017 die titelheldin als kesses barockes weib mit eigensinn und stürmischem herzen. ihr sopran überwältigte in seiner kraft und lieblichkeit. stolzierend erfüllte sie den saal der oper mit ihrer stimme so feminin und federleicht. jorge de leon als ihr geliebter berauschte mit seinem unglaublichen bilderbuch-tenor. arien zum niederknien!
der serbische bariton zeljko lucic war als finsterer gegenspieler scarpia in format und stimme absolut glaubwürdig und diabolisch ausdrucksstark besetzt. das bühnenbild entführt den tosca-fan ins rom von 1800. detailgetreu, atmosphärisch, sepia-farben, verstuckt und klerikal gesetzt. im ersten akt beginnt die geschichte im offenen innern einer kirche, eine steinerne madonnenstatue ragt abgewandt zum anbeten bis zur hohen decke. im zweiten akt schreitet scarpia durch seine komfortable dienststätte, und im dritten sehen wir die sonne roms langsam im nebel aufgehen, beim blick über die todbringende engelsburg.
diese inszenierung hat alles, was frollainwunder jemals von einer oper erträumt hat. möge puccini in seiner engelsburg nur wissen, dass 45 jahre nach seinem tod sein werk ein umwerfendes denkmal bekommen hat. und immer noch die unsterblichen romantiker in die deutsche oper pilgern um sich berauschen zu lassen. jawohl, es ist ein rausch.
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shakespeare is over. ostermeier bleibt klassisch. nach schnitzlers „professor bernhardi“ (https://www.aufderbuehne.de/index.php/kritiker/350) widmet er sich auch zweieinhalb pausenlose stunden lang der biografie des französischen journalisten didier eribon (64). ein coup für das gutbürgerliche theater, denn der bestseller von 2009 erschien erst 2016 auf deutsch bei suhrkamp. in „rückkehr nach reims“ kehrt der pariser eribon nach dem tod des vaters zum emotionsbelasteten ort der kindheit zurück. erinnert sich an die dumpfen jahre im arbeiterbezirk, einer klassengefangenen welt, in deren häusern armut sprach. eribon untersucht strukturen, entwicklungen, biografien. selbst die mutter, einst kommunistin, wie es üblich war, wendet sich später den rechtspopulisten zu. dass eribon schwul ist, ist thema, aber die wurzeln sind der mittelpunkt.
ostermeier nutzt wieder den atmosphärischen globe-theatersaal und setzt eribons werk in passagen in einem langweilig hellbraundunkelbraunem tonstudio um. hans-jochen wagner agierte schon in „professor bernhardi“ und übernimmt die rolle des angespannten aufnahmeleiters. wagner dramatisiert seine rolle gern, bändigt sich aber auch. renato schuch gibt den tonstudio-inhaber und schlendert in turnschuhen rum (rappen kann er nicht wirklich, aber so lebt der gesittete abend kurz auf). die kaffeemaschine blubbert elendskaffee. beide warten auf sprecherin katy, also nina hoss, die dann auch die tür öffnet und gewohnt charmant lächelt. nina hoss, die deutsche unprätentiöse traumfrau der regisseure.
ihre aufgabe, die sie ernsthaft und mit angenehmer stimme absolviert: auszüge aus „rückkehr nach reims“ lesen und die vielen filmschnipsel des regisseurs und aufnahmeleiters sinnvoll untermalen. und was für filmschnipsel! ostermeier hat eribon in einen zug gesetzt und begleitet dessen biografische reise unaufgeregt und stimmig. irgendwann sitzt eribon mit der müden mutter am tisch und schaut sich alte fotos an. der dokumentarische film zeigt  auch szenen aus der arbeiterwelt, der fabrik, von den treffpunkten der schwulen szene – es entsteht mühelos eine collage, die uns den autor nahebringt.
das übliche stop and go des einlesens hat ostermeier als regie-punkte gesetzt. es soll auch unbedingt authentisch werden, in dem sich im tonstudio gekabbelt wird oder diskussionen inszeniert werden. und schon bin ich raus und der nebenmann atmet angestrengt mit. gerade eben konnte man dem autor noch in bild und ton folgen, nun dreht sich der abend um das doll drapierte drumherum.
final lässt ostermeier seine schauspiel-perle nina hoss den film im detail in frage stellen und von ihrem vater berichten. neumodisch werden sich im smartphone fotos und filmchen gezeigt. von will hoss, dem gründer der grünen, auch arbeiter, aber kämpferischer und schließlich ehrenhäuptling eines amazonasdorfes. schuch und wagner wirken in ihren rollen interessiert, aber es ist eben nicht authentisch. der abend ist mit zweieinhalb stunden mindestens eine halbe stunde zu lang. das ambitionierte konzept verzettelt sich und leider geht der sensible eribon, den man sofort mag, mit seinem wesen unter (und sollte eher in einem dokufilm auf arte fesseln). dann würde man auch wachbleiben wollen. das gutbürgerliche publikum hatte ebenso mit der aufmerksamkeit zu kämpfen wie das rauflustige frollainwunder aus ostberlin. schon bei „professor bernhardi“ kam edelelegante langeweile auf, beim versenken in ein heutzeitiges autorenwerk. anspruch statt ausbruch.
und so gab es einen ostermeier ohne osterfeuer zu sehen, wenn er nicht bei shakespeare vorbeischaut und lars eidinger in das publikum feuerfunkeln lässt (noch immer als hamlet und richard zu sehen). ausbruch mit anspruch geht auch.
3.3
Durchschnittsnote aller Stücke
5 227+
4 594+
3 534+
2 291+
1 146+
Kritiken: 719