Kritik zu: Bette & Joan
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youtube, instagram, trash-tv, umsatzgierige blockbuster. diven gibt’s nicht mehr. selbst désirée nick, die sich gern dafür hält, taucht zu oft im trashsumpf ab und ruiniert damit dann doch ihr diszipliniertes wohlerzogensein. schlau schnappte sie sich aber die rolle der showstardiva joan crawford und streift sich dieses glamouröse wesen für die theaterbühne über, brünett statt blond. nick kokettiert sofort mit einem spagat, korsett-tauglichen proportionen und glänzt madamig als bühnenverschnitt der 1905 geborenen leinwandbeauty. manon straché (blond statt brünett) gibt in „bette & joan“ die so andere dame hollywoods. bette davis, drei jahre jünger als crawford, deren große melancholische augen kim carnes mit dem song „bette davis eyes“ verewigte. straché kann auch so gucken und platziert sich adrett, kompakt und schnoddrig in die kudammtheater-kulisse. die zeigt die plüschigen garderoben der ziemlich vom leben ramponierten diven, spiegelwand an spiegelwand. das alte mädchen bette davis putzt ein ebenbild von püppchen, crawford flippt wegen aluminiumbügeln aus. am telefon. die assistentin muss hier einiges aushalten, auch bob, der regisseur, hängt zwischen den ansprüchen der alternden diven, die von ihm einen weg aus der talsohle der ermüdeten karriere erhoffen. es ist anfang der sechziger jahre. was geschah denn nun wirklich mit baby jane? das beantwortet das theaterstück nicht (die story sollte der zuschauer zumindest quergelesen haben, besser noch das schwarzweiße bitterböse schwesterndrama gesehen haben). regisseur folke braband ließ strachè und nick aber thrillige szenen nachspielen und die trailer in s/w sind atmosphärisch und amüsant skurril. aufhänger ist aber die probe zur szene, in der crawford im rollstuhl von davis angegangen wird. eine demütigung für crawford (die sich dafür heimlich rächt), ein giftiger genuss für davis (die das bemerkt). braband lässt die diven aus ihren leben und seelischen zuständen monologisieren, sich einander besuchen in den garderoben, den schein wahren, die gemeinsamkeiten nicht vertuschen. robert aldrich, der den film drehte, wähnt man nur am telefon, er als dritte figur auf der bühne hätte dem lauf der diven-dinge mehr dynamik verliehen. so bleibt der spannungsbogen auch nach der pause ausstaffiert gemütlich. straché und nick sind einander ebenbürtig, straché darf als davis mehr rumpampen und das liegt ihr im ostdeutschen blut, nick verfängt sich anfangs erstmal in ihrer dozierenden interpretation einer schauspielerin. ein jahr nach der premiere in hamburg zeigt das kudammtheater „bette & joan“ nun zielgruppennah, die vielen reihen müssen sich trotzdem erst einmal füllen. und das interesse für einen plötzlichen diven-anmarsch geweckt werden.
Kritik zu: Turandot
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ende des 19. jahrhunderts. mr. puccini cruist in seinem schnellen wagen durch eine schöne italienische stadt und frollainwunder anno dazumal begegnet ihm, bevor er elvira traf, und verzückt sich schmiegend an seinen hinreißenden opern, bis der tod sie scheidet. aber wir sind ja 2017 und eigentlich bin ich so gern in der deutschen oper, heute aber mal nicht. und leide etwas wütend. puccini kämpfte mit dem kehlkopfkrebs, als er sich in sein letztes werk „turandot“ eingrub. lorenzo fioroni (inszenierung) scheint gern trockenes brot zu essen und paul zoller (bühnenbild) übergibt sich offenbar sofort bei fruchtigen sommerfarben. wir dürfen auf ein elendes bühnenbild starren. der zentralrat der deutschen demokratischen republik grüßt aus einem schaukasten (ach nein, es ist ja der kaiser von china) hoch über dem mürben volke. das sitzt auf nummerierten bestimmt unbequemen stühlen in der kulisse eines arbeitsamtes (oder ostdeutschen landarbeiter-kantinentreffs der 60er jahre) und trägt leblose karohemden, beigebraune hosen (das kann nur polyester sein) oder trutschige kleider inklusive uninspirierter frisuren. das publikum hat sich rausgeputzt, auf der bühne sollte dringend durch- und aufgeputzt werden. aber zu spät, paul zoller wollte den schlackefarbenen trübsinn und die botschaft dahinter ist mir total egal. mir bricht derweil mein romantisches pucciniherz. natürlich sind die rollen stark besetzt, natürlich liebt man den chor, aber das auge fühlt mit. der smarte bulgarische tenor kamen chanev überzeugt als in die eisige turandot verliebter calaf, der ihre drei faszinierenden rätsel überlegen lösen wird. turandot lässt lange auf sich warten. die britische matrone catherine foster bemüht sich schließlich auf die bühne. wagner-walküren-blond, was das bild der düsteren chinesischen medusa turandot erschüttert. das körpernahe brokatkitschkleid verbirgt nicht, dass die alterlose dame taillenfern von gott geschaffen wurde, turandot als steifes mannweib, unfassbar. einen kopf größer als ihr verehrer, zwei köpfe größer als der kaiserliche vater, absurd. sopranistin foster überwältigt stimmlich und man will sie sofort lieber nach bayreuth beamen. die minister ping, pang und pong kaspern sich vor turandots erscheinen durch die kulisse, das ist nicht komisch, das ist platt und auch mal zotig. man ditscht hühnerflügel in ketchup (die drei sitzen ja eh in einer bühnenkantine) und verkleidet sich albern als turandot, die überdreht penetriert wird. die stimmen der seltsamen drei durchdringen kaum das tapfere publikum. immer wieder dramatisiert sich der hemdsärmelige ärmliche chor in die szenen. liu, das unglücklich in calaf verliebte sklavenmädchen, trägt im wartesaal des grau-ens eine jacke mit aufgestickten flügeln und einen braunen faltenrock. ein hütchen wurde ihr ins haar geklemmt und ein täschchen gereicht. details, die auch nichts mehr retten können. der sopran der russin elena tsallagova hat so viel entzückende lieblichkeit, fosters sopran ist dagegen walküre frontal. dass calaf turandot nicht widerstehen kann und lui ignoriert ist bei der besetzung heute nicht zu begreifen. foster steckt im zweiten teil in einem hochzeitskleid, auch das sieht seltsam aus. am besten man schließe die augen und genieße die musikalischen traumwelten von giacomo. und sehne sich nach inszenierungen, in denen sich ein üppiges china farbenfroh und klassisch entfalten darf und die dame des stückes ihr wahres wesen verkörpert. puccini quälte sich bei seinem letzten werk mit zweifeln und depressionen. frollainwunder och.
Kritik zu: Don Carlo
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mit „don carlo“ in der staatsoper begann vor jahren frollainwunders abenteuerreise in die opernwelt. dreieinhalb stunden überklassiker mit einer atempause lagen vor mir. und oft hielt ich ihn kurz an, weil die inszenierung so faszinierte. auch don carlo 2017, nun zum zweiten mal, und wieder voller neugier, wie es sich denn nun anfühlt, war ein erlebnis der opern-edelklasse. verdi und wagner wurden beide 1813 geboren und zu ebenbürtigen elite-komponisten. was wagner wuchtet, voluminiert verdi. wo puccini schmilzt, befindet man sich bei verdi auf der titanic des in die knie zwingenden dramas. rené pape war erneut als dons vater besetzt und nahm erst spät die bühne ein. sein sonorer bass ist durchdringende macht, die königliche seele erhaben. der kugelige tenor fabio sartori wurde leidenschaftlich zum titelgebenden don und gab dem kämpfenden sohn ein sanftes und tapferes wesen. die verräterische eboli interpretierte die blonde gazelle und mezzosopranistin marina prudenskaya quälend überwältigend. die brünette sopranistin lianna haroutounian durfte die sinnlich verzweifelte französin elisabeth sein, die den großmutigen sohn liebt und dem dominanten vater gehört. stolze spanier, depressive damen. mikhail kazakov ist ein kaltes unheimliches gesicht der kirche und hat als großinquisitor in dem kolossalen machtwerk das letzte grausame wort. schiller untersuchte in „don carlos“ die untiefen einer machtbesessenen königsfamilie, die zwänge der politik, die gier nach einfluss, die unterwerfung durch die kirche, grausam- und bitterkeiten, tod, tod der liebe. philipp himmelmann schaut in seiner inszenierung eher in die hölle der menschlichen seele hinab, baut den abend in eine ausdrucksstarke schwarz-weiße kulisse ein und lässt später die folteropfer nackt und elend und an den füßen von der decke hängen. ein bild, das brennt.
verdi zu hören berauscht, jede einzelne stimme der perfekt besetzten rollen berauscht, der abend hat einen machtvollen sog. eine inszenierung, die den wahnsinn untersucht und wahnsinnig edel strotzt.
Kritik zu: La Traviata
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sie kommt vom wege ab, und auch irgendwie in der staatsoper. aktuell ist es nicht mehr sonya yoncheva sondern die auch dunkelhaarige aylin perez, die violetta erstrahlen lassen will trotz der deprimierenden leidensgeschichte. mainstream-romantiker verdi überträgt dumas kameliendame in sein werk und dieter dorn wiederum inszeniert die beliebte oper als kompatibles drama mit bunten kitschwallungen. der chor ist üppig ausgestattet und trägt hinreißende, auch exzentrische entwürfe, die frau sofort ordern will. violetta muss barfuß bleiben und trägt ein schwarzes unterkleid, über das sie in edlen momenten ein unaufgeregt silbernes streift. die zeit ist ein praller leinensack, aus dem der sand rieselt. der zeitsack ist voluminös drapiert auf einem paravent, hinter dem sich transparent die boten des todes räkeln. hierfür hat der inszenator körper gecastet und in seltsam halbdurchsichtige hautfarbene all-over-bodies gesteckt. die toten seelen folgen violetta leise und verlassen sie wieder um zurückzukehren. aylin perez ist sinnlich, aber stimmlich nicht immer so samtig, wie man es sich wünscht. ich hatte sonya yoncheva in der leinwandübertragung von „la traviata“ aus der met opera in new york erlebt und war hingerissen. und bin es immer noch und somit hatte es die aktuell liebliche violetta nicht so leicht ditt frollainwunder zu begeistern. die herren des abends, also lover alfredo und dessen dominanter vater, umkreisen der herzdame drohendes schicksal und können es doch nicht verhindern. der junge tenor abdellah lasri ist ein eher knuffiger alfredo. so recht symbiotisch konnte die verbindung zu vollweib violetta nicht werden. immer wieder reiht sich der farbenprächtige chor um die beiden und kommentiert diskutierend die entwicklung der geschichte. violettas leiden zieht sich aber. dorn lässt sie laaaaangsam sterben.
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martin woelffer hat schon mit der produktion „im sommer wohnt er unten“ eine filmvorlage mit verspielter regie kombiniert, dazu ein paar ohrwürmer aus dem off als musikbogen gespannt und stephan fernau für ein atmosphärisches bühnenbild engagiert. der film „wir sind die neuen“ mit heiner lauterbach als macho eddie, gisela schneeberger als immer noch unabhängige anne (biologin im dienst der schleiereule) und michael wittenborn (nicht ganz so bekannt) als jovialer jurist johannes war ein amüsanter und wichtiger beitrag zum thema generationen und deren (un)mögliche konflikte miteinander. eddie, anne und johannes entschließen sich auch auf den brettern der komödie am kurfürstendamm aus kostengründen wieder in eine gemeinsame wg zu ziehen. die alt-hippies rasseln schon im hausflur mit katharina, barbara und thorsten zusammen, studenten 2017, mit strapazierten nerven und enormem erfolgsdruck. woelffer hat winfried glatzeder als eddie besetzt und der interpretiert die schroffe vorlage von lauterbach mit etwas mehr geschmeidigkeit. mimik-kauz heinrich schafmeister ist die optimale besetzung für den juristen, als johannes kann er humorvoll spötteln und vor sich hinmenscheln (und sporteln). tv-dame claudia rieschel ist der ursprünglichen anne sehr ähnlich und gibt sie etwas ernster. die drei funktionieren ab der ersten lustigen minute als sympathie kassierender freundestrupp. stephan fernau begeistert erneut mit seinem kompakten bühnenbild. wohnung 1 der kommune und wohnung 2 der studenten eine etage tiefer verschachteln sich schlau auf einer ebene und zwei etagen. mal agieren die oldies, mal die youngster, in der kulisse ist parallel platz für alle, die regie ist im fluss. generationenguckkasten für die amüsierten zuschauer, denn an diesem abend prallen die generationen immer wieder zusammen, mal schnoddrig, mal herzig.
die überstressten superstudenten mit den ewigen laptops kapitulieren irgendwann vor den überlebensfrohen supersenioren und so kann man sich doch noch annähern und auffangen und ein lied zur gitarre singen. das ist rührend wie in der filmvorlage, des zuschauers herz geht auf und die botschaft kommt an. besonders lustig: die aufgekratzte oldie-wg durchzecht die nacht und flippt zu „born to be wild“ aus, im bewusstsein, dass die als bieder verpönten studenten das gar nicht lustig finden werden und auch kaum ein müdes auge zukriegen. die schlafuntoten rächen sich prompt in den frühen morgenstunden mit rammsteins „(hier kommt) die sonne“. (da fallen die oldies glatt geläutert aus dem partykoma!). die regie ist so sprühend, dass sich die lebhaften szenen in einem seniorenflotten tempo aneinanderreihen und eddies bedrohliche krankheit nur kurz angerissen wird. mit unter zwei stunden netto hätte sich das stück ruhig noch etwas mehr zeit geben können, um die tiefe zu schärfen. dass „wir sind die neuen“ ein publikumsliebling wird, ist absolut anzunehmen. woelffer hat erneut auf ein erfolgsrezept gesetzt und das ensemble in alt und jung traumsicher besetzt.
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vier jahre ist es schon wieder her, dass michael thalheimer seinen güldenen tartuffe im rotierenden schaukasten entwarf (http://www.livekritik.de/livekritiken/livekritik-von-frollainwunder-zu-t...). nach gorkis nachtasyl und schillers wallenstein kehrt er nun zu moliére zurück und beschäftigt sich mit dem eingebildet kranken. peter moltzen, den er gern und oft in seinem kreis besetzt, wälzt sich als hypochondrischer argan blähend und spuckend im rollstuhl, verspritzt tinkturen (und das ist ziemlich komisch). wir schauen wieder auf einen schaukasten, dieses mal weiß gekachelt und schwingend wie ein uhrenpendel. im hintergrund wallen zeitgemäße orgelklänge. thalheimer drückt sofort aufs regie-gas und die special slapstick bricht wieder überbordend aus. das publikum amüsiert sich reihenweise (warum auch immer konnten sich die kritiker wieder mal nicht begeistern, herrje). regine zimmermann war schon zerbrechliche gattin in tartuffe und ist heute als augenrollende hausdame besetzt. mit spitzen fingern darf sie u.a. die volle windel des hausherren entsorgen. kay bartholomäus schulze keifte warnend als verwandter in tartuffe und kriecht hier als irrer bruder argans über die kleine bühne. morbide eingeschnürt in plastik, gruslig wie der tod, faszinierend. als argans gattin stolziert jule böwe durch den kasten, völlig überzeugend, überspannt damenhaft nölend, anhänglichkeit vortäuschend und am ende überführt als gieriges weibchen. alina stiegler und iris becher sind die niedlichen töchterchen. ensemble-geist ulrich hoppe tänzelt als schlauer leibarzt herein, mit putzigem bärtchen, und hat renato schuch als seinen tourette-gestörten sohn thomas dabei (zum glück muss töchterchen angelique ihn nicht wirklich ehelichen). schwarzlocke renato bedient hier seine erste slapstick-nummer bravourös und kassiert viele lacher. urgestein felix römer, clanmutti aus tartuffe, ist im zweiten moliére als romantischer cleante besetzt, verliebt in töchterchen 1, angelique (alina). der tatsächliche altersunterschied schien bei moliére auch nicht zu interessieren. der knallbunte entwurf thalheimers zu moliéres letztem werk (und nachlass, der autor verstarb bei der vierten vorstellung als argan) ist ein groooßartiger theaterknallspaß. wo tartuffe sich der klerikalen schwere unterwerfen musste, kann beim kranken hausherren so richtig aufgedreht werden. in knallbunte barockkostüme gesteckt unterhält das hinreißende ensemble von der ersten bis zur letzten der volksnahen, turbulenten 105 minuten. peter moltzen als kompakter argan leitet den verrückten reigen extrovertiert aber auch verzweifelt an. wie überwindet man die angst vor einem elenden tod? mit thalheimer und diesem ensemble auf jeden fall tiefschwarzlustig.
das regie-(und intendanten-)karussell in berlin rotiert, michael thalheimer wird zum berliner ensemble wechseln, dafür wird murmelmurmel-könig herbert fritsch die schaubühne entern mit seinen verstrahlten entwürfen. ostermeiers gesamtkunstwerk hamlet mit prinz eidinger hat im nächsten jahr zehnjähriges jubiläum. es bleibt spannend.
Kritik zu: Madama Butterfly
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giacomo puccini. 1858 geboren, 1924 verstorben. fuhr gern rasend sein automobil (und konnte einem dramatischen unfall nicht ausweichen). er rauchte viel und starb an kehlkopfkrebs.
ich bete puccini und sein werk an (u.a. la boheme, tosca, turandot). „manon lescaut“ berauschte mich letztes jahr und immer noch, „madama butterfly“ fliegt ebenso in hinreißende höhen und bittere tiefen. puccinis klang- und tonwelten sind zum niederknien schön. puccini-eigen.
die inszenierung von eike gramms in der staatsoper kann sich auf ein meisterwerk verlassen und braucht es nur mit zauber zu interpretieren. oksana dyka als leidende cio-cio-san entblättert ihren feurigen sopran bis in die hintersten ränge. es ist ein traum ihrer stimme durch das gesamte werk folgen zu dürfen. den geliebten pinkerton verkörperte der smarte rumäne teodor ilincai und auch sein tenor beeindruckte wohlwollend. madame schmetterlings geschichte ist bekannt. die junge japanische geisha verliebt sich in den amerikanischen leutnant pinkerton, der sie nach japanischem brauch heiratet. er verlässt sie für jahre, sie erkennt, dass die ehe nicht gültig sein wird und bedauert in den armen ihres kleinen sohnes die umstände. doch pinkerton kehrt zurück und cio-cio-san sieht die sonne aufgehen. und später untergehen, als sie nun erkennt, dass es keine zukunft geben wird, denn pinkerton und seine frau fordern nur das kind ein. cio-cio-san sieht für sich den bitteren tod als erlösung aus dem unendlichen schmerz an.
oper bedeutet drama, bedeutet wucht und schmerzen und seligkeit. das bühnenbild im japanischen stil ist eine anmutung. die südkoreanerin eun sun kim dirigierte emotional das versierte orchester und der applaus war feurig wie oksanas sopran. willkommen in der welt von puccinis opernträumen.
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wenn man aktuell vor dem theater und der komödie am kurfürstendamm steht hat man die wahl: links „alles muss glänzen“, rechts „im sommer wohnt er unten“. neulich wählte ich rechts, eine voraufführung, ein wunderbarer abend. gestern wählten wir links, auch eine voraufführung, und bereuten den besuch schon nach einer viertelstunde. mit uns murrte es tendenziell verständnislos in den vollen zuschauerreihen. der noch recht junge gründer und chef ivan vrgoc der berliner santinis productions legt gern ein kreatives ei und buchte sich schon mit „geächtet“ oder „eine familie“ in das bodenständige theater ein. begrüßte uns und stolz den regisseur und autoren. in "alles muss glänzen" setzt vrgoc erneut auf die sympathische maria furtwängler, die mal keimfreie ärztin war und stets die freundliche ausstrahlung einer öffentlich-rechtlichen nachrichtensprecherin hat. der roman „the homemaker“ von noah heidle ist ein surreales werk und wurde z.b. von der regisseurin anna bergmann im staatstheater hannover genau so verstanden und mit einer abgefahrenen bildsprache umgesetzt. (leider waren wir aber am kudamm). jedenfalls steht frau furtwängler alias rebecca im hübschen roten fifties-kleid in ihrer nostalgischen küche, draußen regnet es bindfäden (für eine sintflut reicht es noch nicht) und sie werkelt an der flunder rum. dreht mit tantigem schwung das radio auf und wiegt sich steif in den schmalen hüften. die beflissene rebecca erwartet den gatten, der aber nicht kommen wird. denn er sucht das glück. nur nicht mehr bei ihr, der spröden (jedenfalls ist blondine furtwängler das) und vorbildlichen hausfrau, die sich um krümel und falten in der tischdecke sorgt. in ihrer hausfrauheilen vergangenen welt klopft es regie-aufgeregt ständig an der tür. mal wird das teenagertöchterchen abgeholt zum ball, dann stolziert die nachbarin im grünen kostümchen herein und leiht sich mal eben eine waffe, um sich im badezimmer von rebecca spontan umzubringen. vorher verkündet sie aufgelöst, dass sie ihrem mann noch einen blasen wollte, aber auch das konnte die eingeschlafen ehe nicht mehr retten. und er ist wohl auch tot, sowieso. rebecca nimmt das höflich zur kenntnis und das interesse der zuschauer ist mittlerweile auch schon ermattet. die leiche der nachbarin liegt jedenfalls den abend über im bad herum. es klopft mal wieder und ein junger prediger predigt platt und steigert sich in die erlösung der hausfrau hinein, aber dann grüßt die schaubühne und maria alias rebecca „rappt“ eine hymne an alle tapferen mütter dieser welt und will sich applaus erkämpfen. die aufgesetzte performance-szene irritiert aber nur das gesetzte publikum. es regnet immer noch bindfäden. und das sieht eigentlich ganz hübsch aus, wie das wasser so am fenster herunterläuft. wenigstens das wasser fließt. ein ungelenker mann mit schwarzer einbrecher-maske taucht am küchenfenster auf und kraucht herein und hui es ist ja der vergewaltiger, der schon die schwangere nachbarin und deren tochter belästigt hatte. den vergewaltiger und auch später mal spontan den erträumten gatten spielt der sonst auf komik gebuchte schauspiel-beamte ludger pistor, den die produktion stolz mit seiner nebenrolle als herr mendel in „james bond: casino royale“ anpreist. daniel craig könnte den abend noch retten, tut er aber nicht. der plumpe vergewaltigungsversuch endet in einer verständnisvollen unterhaltung mit dem nachbarn, der offenbar irgendwie langeweile hatte, und die szene ist inhaltlich geschmacklos umgesetzt. auch der verlorene sohn beehrt heruntergekommen die mutti, konnte den vater nicht finden und hui man putzt einfach zusammen die küche und die welt gerät wieder in die fugen. die welt und die fuge, der kudamm und das surreale. am ende bleibt eine vom leben enttäuschte rebecca übrig, die einsam die kerze auslöscht.
der regisseur hat zumindest die voraufführung ohne für die zielgruppe wichtige pipi-pause angesetzt. nach 110 seltsamen minuten leerten sich erschöpft die reihen. begeisterung sieht anders aus. aber die poster in den schaukästen sind wirklich schön.
Kritik zu: Dantons Tod
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ich bin immer gespannt auf die jungen wilden der ernst-busch-schule, ob in stücken an der volks- oder schaubühne. der väterliche peter kleinert, der die jungen wilden schon „die mutter“ von brecht entstauben ließ, hat ihnen nun „dantons tod“ von georg büchner für eine eigene interpretation vorgesetzt. und die ist jung und wild und umfassend. jonas dassler ist danton und schaut mit wasserblauen augen, wirkt introvertiert und extrovertiert zugleich. ob jonas schon um seine wirkung weiß? diese aura kann man sich nicht erspielen, diese ist da oder nicht. im off-studio der schaubühne wird er zum flackernden fixpunkt. offenbar hält er und die truppe einen nackten auftritt für inszenierungsfördernd. soll hier dantons sinnliches leben markiert werden oder sein ausgeliefertsein kurz vor dem tod? oder einfach mal wieder ein pen*s ein zeichen setzen. jonas kann singen und e-gitarre spielen und wenn die kleine rauhe busch-band losrockt flasht sie. man bleibt aber trotzdem an der hehren und politisch brenzligen vorlage dran, die vielen todernsten texte fließen stolperfrei. die schmale jungenhafte esra schreier ist der entschlossene robespierre und sitzt auch mal am klavier. robespierre verteidigt leidenschaftlich und stur seine ansichten und ziele, während danton an seine langsam nicht mehr glauben will und kann. freiheit, gleichheit, brüderlichkeit? die französische revolution dominiert die geister und verhindert entschlossenes, gemeinsames handeln. entschlossenes, gemeinsames handeln demonstrieren die hinreißenden jungen wilden, die die immerhin zwei stunden so gestalten, dass trockene politik ihre entkrampfung findet mit ironie, wildheit und freude am performen.
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krankenhausweiße wände, eine junge frau schreibt mit bunter kreide an die wände und erklärt damit plakativ die raumsituation. zwischendurch hört man eine exzentrische geige spielen. mehr performance wird es nicht geben. ostermeier, der intendant der schaubühne, konzentriert sich nur auf die vorlage von arthur schnitzler. die er mit 2.45 stunden angesetzt hat (ohne pipipause wie im kudammtheater). seine kult-inszenierung „hamlet“ mit schaubühnenprinz eidinger strotzte nur so vor extrovertiertheit, ob diese neue ruhe bannen kann? jörg hartmann, der tatort-kommissar faber als zerquälten sturkopf interpretiert, ist der jüdische prof. bernhardi. ein entschlossener, ruhiger arzt, der seine überzeugungen klar vertritt. und dann spinnt sich das drama zusammen. eine junge frau liegt im sterben und halluziniert glückseligkeit, doch der junge pfarrer wurde schon gerufen um sie seelisch zu erlösen. bernhardi ist strikt dagegen, doch eine beflissene krankenschwester hat der patientin die ankunft mitgeteilt und ungewollt einen schock ausgelöst, den tödlichen. bernhardis entschluss im sinne der sterbenden patientin wird noch auf ihn zurückfallen. man interpretiert vorsätzlich die begegnung des pfarrers mit dem arzt als heftigen zusammenprall von christen- und judentum. das thema anitsemitismus keimt. und die maschinerie der von geldern und sponsoren abhängigen privatklinik setzt ein. wer ist freund, wer feind, wer will seinen einfluss steigern, wer wird zum wichtigen zeugen? das groß aufgestellte und authentisch agierende ensemble hat ostermeier in seinen ihm eigenen fluss gebracht. so erzählt sich die politisch zündelnde geschichte reigen. allerdings kocht kein konflikt wirklich hoch. die taktiererei der verschiedenen kontrahenten vermeidet einen spannenden ausbruch. auch bernhardi bleibt besonnen, wenn er auch fassungslos ist. hans-jochen wagner, der im tv an der seite von kommissarin heller den nervenstarken partner gibt, und souverän wie hartmann spielt, ist hier prof. flint aus dem gesundheitsministerium. der windet sich, kann seinen früheren freund nicht unterstützen und bleibt dabei, seine eigenen interessen zu begründen und zu verfolgen. in der schluss-sequenz wird ein geschmeidiger christoph gawenda als ministerialrat winkler, büro flint, der finale gegenpart zum ratlosen bernhardi, der sogar ins gefängnis musste. winkler kann die entscheidung verstehen, glaubt aber nicht daran, dass man jemals alles richtig machen kann. mit diesem vernunftorientierten kommentar endet ein interessanter abend, dessen regie den spannungsbogen halten konnte, auch wenn dieser nicht so fesseln wollte.
@ schaubühne: inszenierungen von mehr als zweieinhalb stunden sind in diesem kompakten theater auszuhalten, da man hier einen angenehmen komfort erwarten kann. die nüchterne bestuhlung ist für erwachsene tauglich und durchaus bequem. da die zuschauerreihen wirklich ansteigen, ist überall gute sicht garantiert. über die akustik lässt sich streiten, auch über den zustand der toiletten, aber diese sind wenigstens zahlreich und man kann gratis auch noch schnell seine sachen in metallene schränken verstauen. auch die tafel für übertitel war so installiert, dass ein mitlesen störungsfrei möglich war. all diese faktoren sind nicht unwichtig, wenn man ins theater stiefelt und einen abend lang in diese welt eintauchen will!

Premieren

23 September 2017
Kaukasische Kreidekreis
Michael Thalheimer
Berliner Ensemble

24 September 2017
Bremer Stadtmusikanten
Tobias Ribitzki
Komische Oper Berlin

24 September 2017
Nach uns das All
Sebastian Nübling
Maxim Gorki Theater

24 September 2017
Rückkehr nach Reims
Thomas Ostermeier
Schaubühne

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