Anja Röhl
KRITIKEN
Kritik zu: Golem
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Die Oper »Der Golem« hat der rumänische Komponist Nicolae Bretan schon 1924 geschrieben, vergangene Woche wurde sie nun zum ersten Mal in Deutschland aufgeführt – in der Neuköllner Oper in Berlin, inszeniert von Paul-Georg Dittrich.
Bretan ( 1887-1968 ) wuchs als Rumäne in Österreich-Ungarn auf, genauer gesagt in Transsilvanien, auch Siebenbürgen genannt. Er schrieb seine Opern in Ungarisch, Rumänisch und Deutsch. Seine Musiker- und Komponistenkarriere verlief zunächst vielversprechend, doch dann wurde er als ein in Ungarn beliebter Komponist in Rumänien geächtet. Als das faschistische Ungarn 1940 Transsilvanien annektierte, wurde die gesamte Familie seiner jüdischen Frau nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Als Komponist nicht mehr in Erscheinung getreten
Nach dem Krieg überwarf sich Bretan mit den Kommunisten in Rumänien, 1955 schrieb er noch ein Requiem und trat danach als Komponist nicht mehr in Erscheinung. Seine Opern und Lieder sind auf CD erhältlich. Als die Neuköllner Oper seine 92jährige Tochter Judit Bretan um Erlaubnis fragte, den »Golem« aufzuführen, freute die sich sehr.
Der Name „Anna“ mehrfach an der Wand
Die Oper beginnt mit einer Filmaufnahme über der Bühne. Sie zeigt eine unruhig schlafende Frau in einem Bett. Links darunter, in einem dunklen Stall, schreibt der Golem, der wie ein lehmverschmierter Knecht ausschaut, mit Kreide den Namen »Anna« mehrfach an die Wand. Rechts der Bühne ist ein Arbeitszimmer hell erleuchtet. Der Rabbi Löw (James Clark) brütet über einem Manuskript, während hinter ihm sein Gehilfe mit Fläschchen und Wässerchen hantiert. Zwischen diesen beiden Räumen geht es in ein Zimmer, in dem man die Frau im Bett aus der Filmszene erkennt. Hinten in der rechten Ecke, etwas getrennt von ihr, befindet sich das kleine Orchester. Ich mag es, dass in der Neuköllner Oper das Orchester stets übersichtlich ist, das macht die Musik intimer, auch klarer zu verstehen.
Es treibt sie etwas, sie weiß nicht was
Bretans Lieder sind spannungsvolle Sehnsucht, spätromantisch. Die Lieder treiben die Handlung an: Der lehmverschmierte Knecht liebt die darbende Frau in dem sauberen Bett. Und sie ihn auch. Heimlich schleicht sie zu ihm in den düsteren Stall. Es treibt sie etwas, sie weiß nicht was. Dann flieht sie wieder in ihr Bett. Ulrike Schwab ist als Anna sehr lasziv, ihre Stimme ist wunderbar klangvoll. Martin Gerke als Golem ist mächtig, manchmal auch wie blind tappend und hilflos bettelnd, wenn er sich an Anna oder an Löw wendet. Sein Begehren aber ist klar und stark.
Bloß seine Kraft
Zwischendurch will Anna sterben, der Gehilfe rettet sie. Der Golem versteht das falsch. Eins aber versteht er gut: Er geht zu Löw, der ihn erschaffen hat. Er soll ihn endlich doch bitte zu einem richtigen Menschen machen! Der Gelehrte und sein Gehilfe stopfen Papiere in sich rein. Sie leben von den Wörtern, der Golem hat bloß seine Kraft. Er ist halb Mensch, halb Maschine. Ein typisches Problem der Phantastik: Irgendwann will so ein Wesen mehr. Zum Beispiel Kinder machen.
Körperkraft gibt es nicht ohne Bewusstsein
In der jüdischen Mystik ranken sich um den Golem verschiedene Legenden, die bekannteste ist die des Rabbiners Löw aus Prag, der im 16. Jahrhundert einen Golem aus Lehm formte, um die jüdische Gemeinde vor Verfolgung zu schützen. Er sollte deren Hilflosigkeit gegenüber Pogromen mindern, war ausgelagerte Körperkraft, die zum Einsatz kommen sollte, wann immer man sie brauchen würde. Doch Körperkraft gibt es nicht ohne Bewusstsein, sie muss gelenkt und koordiniert werden. Als nun Leidenschaft diese Energie besetzt, entzieht sie sich.
Publikum lacht vor leerer Bühne
Im Stück werden die Sänger immer künstlicher – zu Einstellungen auf den Leinwänden, die man vor- und zurückspulen kann. Am Ende bleiben die Bühnenräume unten leer, und die Sänger verabschieden sich vom Publikum oben auf der Leinwand. Sogar die Bühnenstimme aus dem Off scheint verrückt zu spielen, sie kündigt die ganze Oper erneut an, statt einen Abspann zu sprechen. Das Publikum klatscht irritiert vor leerer Bühne. Weiterlesen
Kritik zu: Herbstsonate
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Die Filmadaptation „Herbstsonate“, nach Ingmar Bergmann, im Deutschen Theater, in der Regie von Jan Bosse, in Kooperation mit dem Schauspielhaus Stuttgart, ist eine absolute Glanzleistung!
Fritzi Haberland und Corinna Harfourch haben der Herbstsonate von Ingmar Bergmann zu einer neuen historischen Interpretation verholfen! Die beiden haben, obgleich zum Text und Interieur keine Änderungen gegenüber dem Film sichtbar wurden, heutige, moderne Frauentypen gespielt und damit geschafft, den klassischen Filmstoff aus den 60-er Jahren in unsere Zeit zu transportieren.
Meisterstück psychologischer Menschenkunde
Das Stück ist ein Meisterwerk psychologischer Menschenkunde. Vordergründig verhandelt es die alte Frauen-und Eheproblematik des Spagats zwischen Kindererziehung und Frauenverwirklichung, es macht sichtbar, was die Privatisierung gesellschaftlicher Ungleichheit innerhalb der Familien konkret bedeutet, es zeigt Fremdheit zwischen Ehepartnern, begründet diese nun aber in einem nächsten Schritt durch Sichtbarmachen der generationalen Hintergründe. In diesem  Fall wird eine Mutter-Tochter-Beziehung seziert, die durch eine dramatische Mischung von Schuld, Fremdheit, Abstoßung und Anziehung gekennzeichnet ist (CHARLOTTE: Ich wollte immer, dass du dich um mich kümmerst, ich wollte, dass du mich in die Arme nimmst und tröstest. EVA: Ich war doch ein Kind.)
Erkenntnis über das Umgedrehte des Üblichen
Aber: Diese ist keine klassische „Mutter im Haushalt“, die dem Kind oft ja durch Überfürsorge lästig wird,  diese Mutterfigur dreht die übliche Rollenfestschreibung um, das Ganze ist also gleichzeitig als ein Kampf zu sehen, ihr zu entgehen. Und, sehr subtil, wird erst dadurch sichtbar, was den Kindern in der Regel vom ewig abwesenden Vater geschieht. Da es sich hier aber nicht um den Vater handelt, der diese Rolle gesellschaftlich akzeptiert, seit Tausenden von Jahren und angeblich biologisch bedingt, wahrnimmt,  sondern um die Mutter, die diese Rolle, entgegen üblichen Umwelterwartungen, ausfüllt, wird Erkenntnis durch das Umgedrehte des Üblichen hervorgerufen, es kommt zu einer doppelten Brechung von Vorurteilen, mit Vervielfältigung tragischer Wirkung. Die Mutter hat Schuldgefühle, (besonders deutlich in der Sequenz mit dem weggegebenen Kind, der behinderten Schwester) dies passiert einem in dieser Rolle meist ebenso gefangenen Mann durch die gesellschaftliche Akzeptanz seines Lebensstils nicht so stark. Dementsprechend wehrt sie die Schuld ab und so erst kommt es dazu, dass sie so uneinfühlsam, schamlos, so künstlich, kalt und eisig, so grenzenlos egomanisch auftritt. Dabei entfaltet sich eine klassische Doppel – Beziehung zur Tochter, die Mutter verweigert Liebe und fordert sie gleichzeitig ein.  Das Elend der Tochter wird dadurch tiefer sichtbar.
Basis narzistische Persönlichkeit
Aber man kann die Mutter nicht hassen: Deutlich wird: Karrieresucht der eigenen Eltern, gesellschaftlicher Leistungsdruck von außen, Getriebensein durch Minderwertigkeitsgefühl, entfliehen wollend der Enge der vorgeschriebenen Frauenrolle, im Griff schuldbesetzter Erwartungsgefühle, das alles ist Basis für die narzißtische Persönlichkeit, die in Folge unfähig zu Empathie und gleichwertiger Kommunikation wird.
Keine Lösung der Ungleichheitsprobleme  zwischen Mann und Frau
Alles Themen, die heute wieder hochaktuell geworden sind, besonders an die Frauen ergeht die Forderung, trotz fehlender Krippenplätze und unzulänglichstem Betreuungsschlüssel in Kitas, ihre Kinder der Gesellschaft zu lassen und die angeblich genau gleichen beruflichen Chancen des wunderschönen Kapitalismus zu nutzen. Nun wird aber ein menschenfeindlicher Arbeitsprozess, wenn man eine Frau dahinein zwängt, nicht menschenfreundlicher, dies ist auch nicht, wie ausgegeben, Lösung der Ungleichheitsprobleme  zwischen Mann und Frau, die Bedingungen von Konkurrenz und Kapitalismus stehen kindlich-harmlosen Bedürfnissen, wie zB dem nach Zeit, diametral entgegen.
Wodurch entstehen Depressionen
Doch steckt noch mehr in dem neuzeitlichen Drama shakespear´scher Dimension. Wodurch entstehen Depressionen, (sehr gut im Ehemann materialisiert), Zwangshandlungen, Behinderungen, Krankheiten, wodurch entsteht das Reden mit einem Verstorbenen, Alpträume, Verfolgungswahn? Durch die Lebensumstände, Punkt! Und nicht, wie man uns neuerdings wieder gern weißmachen will, durch Genetik und Stoffwechsel, durch etwas, was nur durch Pillen, weniger durch Aufdeckung heilbar wäre.  Und Aufdeckung, das geschieht hier! Und es bewirkt Heilung, zumindest den ersten Schritt dahin: Erkenntnis. Und die Tiefe, in der beide Schauspielerinnen ihre Charaktere auszuloten verstehen, sie wahrhaft dialektisch, ambivalent, widersprüchlich, schillernd, nie verurteilend, immer nur beschreibend, die Tiefe in Analyse und Handlungen, das ist eine große Gemeinschaftsleistung beider.
Durch die einzwängenden Arme der Mutter an den Stuhl gefesselt
Einzigartig die Szene, wo die Pfarrersgattinnen-Tochter der Konzertpianisten-Mutter Klavier vorspielt und sie danach die Rollen tauschen, die Mutter der Tochter vorspielt. Zu diesem Zweck werden ihre Gesichter einmalig vergrößert auf Leinwand gezeigt. Durch die einzwängenden Arme der Mutter, an den Stuhl gefesselt, sitzt die Tochter und kann nicht entfliehen. Ein starkes Bild!
Der bleibt mir immer
Fritzi Haberland wirkt mal sehr vernünftig, kühl, unnahbar, dann wieder klein, emotional, weich, fremd mit dem Mann und fremd mit sich selbst (wer bin ich?) findet sie wiederum nur Trost in ihrem toten Sohn, „der bleibt mir immer“. Corinna Harfourch spielt die Mutter einerseits quirlig-lustig, energiegeladen, dann wieder scharf verletzend, Worte werden wie mit dem Skalpell in die Seele ihrer Tochter eingeschnitten. Psychologisch perfekt: Das Doublebind-Muster der Mutter bringt das Wahnhafte im Wesen der Tochter hervor. Schon in der ersten Szene, wenn sich Mutter und Tochter begrüßen wollen und das mit dem Näherkommen und Umarmen, wie bei zwei sich umgekehrt zugekehrten Magneten, einfach nicht klappt, (man kriegt sie nicht zusammen, sie stoßen sich geradezu durch die Luft hinweg ab), weiß man, dass dies hier ungeheuer großartig gespielt und inszeniert ist.
Wie in einem Escher – Täuschbild
Auch die Bühne. ( Moritz Müller). Sie besteht aus übereinanderliegenden Teilzimmern, zum Publikum hin offen, die durch hintereinanderstehende Leitern, verwinkelte Treppen, ähnlich wie in einem geometrischen Escher-Täuschbild, alptraumartig  miteinander verbunden und dadurch das Haus, die Wohnung, überausverschachtelt wirkt. Gleich dem Bewusstsein des Menschen, dass nach Freud aus ebensolchen Zimmern in einem Haus besteht.  Hier ist alles offen, nie gibt es einen wirklich verschlossenen Raum, da werden alle Fenster und Türen nacheinander geöffnet, da wird auch in der Tiefe des dreistöckigen Aufbaus noch etwas sichtbar (zb das gestorbene Kind), da wird aus der Höhe, wo die kranke Schwester hockt, ein Tuch geworfen, in das sich Mutter und Tochter verwickeln. Großartig die Farben, herbstartig dunkel, ebenso wie das Unterbewusste, aus dem nacheinander und schmerzlich die Erinnerungen wie Fetzen zerrissenen Stoffes hervorgeholt werden müssen. Ein Meisterwerk! Unbedingt hingehen! Weiterlesen
Kritik zu: Nora
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Es ist ein Wagnis, Henrik Ibsen umzuschreiben, Armin Petras hat es getan und »Nora« für die Bühne im Deutschen Theater in Berlin »neu eingerichtet«. Unter der Regie von Stefan Pucher ist dafür eine interessante Lösung gefunden worden.
Über der Bühne laufen auf einer Leinwand Theaterszenen in Schwarzweiß, die altmodisch und melodramatisch, wie aus den 1930er Jahren stammend, wirken. Sie werden aber von denselben Schauspielern gespielt, die unten auf der Bühne in einer grellen, lilabunten Lackfarbenwelt in modernen Kleidern Neureiche karikieren. Die Sparche unterscheidet sich auf beiden Ebenen: oben der klassische Ibsen, unten der veränderte Ibsen. Doch der Inhalt bleibt unverändert: Nora ist eine konsumsüchtige Püppchenfrau, die mit ihren Kindern ja in einem »Puppenheim« lebt, wie Ibsen sein Stück ursprünglich betitelt hatte.
Erpresst, weil sie ihm hochgeholfen hat
Nora behandelt ihren Mann Torvald kindlich-liebevoll, während er ihr gegenüber wie ein Vater auftritt, der sie wie ein Kind bevormunden und zurechtweisen kann, ganz nach Belieben, weil es eben zum echten Nachdenken nicht fähig ist. Darüber fühlt er sich groß, während in Wahrheit sie es ist, die ihm hochgeholfen hat, dann aber von einem seiner gerade entlassenen Mitarbeiter erpresst wird, weil sie die Unterschrift auf einem Schuldschein gefälscht hat.
Will er sich ihr nähern, macht er das plump und fordernd
Das festgefügte Rollenmuster, das hier gläsern die Lüge sichtbar macht, hindert die Protagonisten, ihren echten Gefühlen Ausdruck zu verleihen, daher wird auch die Sexualität zwischen den beiden künstlich und undurchführbar. Er: »Ich bin absolut sauber!« / Sie: »Kannst du ja gar nicht sein, sonst wärst du ja nicht Bankdirektor!« / Er: »Liebe! Schon mal gehört?«  Will er sich ihr nähern, macht er dies plump und fordernd, sie schreckt vor ihm zurück, weicht ihm aus, wehrt ihn ab. Beide bewegen sich keinen Millimeter aus den vorgegebenen Rollen heraus. Als der Ehemann von dem Erpresserbrief erfährt, dreht er durch und beschimpft seine vorher doch scheinbar so sehr Angebetete in ekelerregender Weise. Das Fehlen der Liebe wird vollständig enthüllt.
Nora hat es plötzlich begriffen: So ein Leben will sie nicht mehr
Freundlich wird er erst wieder, als sich die Sache mit dem Schuldschein erledigt hat. Er bittet um Versöhnung und stellt alles als Scherz hin. Doch da hat es Nora plötzlich begriffen. So ein Leben will sie nicht mehr führen und verlässt ihren Mann. Dies passiert allerdings hier dramaturgisch dermaßen schnell, dass man es im Grunde nicht richtig mitbekommt. Die Püppchenwelt war ihr doch auf den Leib geschnitten, woher nun plötzlich der Zweifel? Es ist so, als wäre Nora jetzt auch von der Regie verlassen.
Heute: Glitzern-gelacktes Bankenmilieu
Armin Petras’ Umschreibung spielt im Bankenmilieu, ebenso glitzernd wie gelackt vor modernistischen Möbeln in kalten Farben. Die Rolle der Nora ist mit Katrin Wichmann gut besetzt. Allerdings kann sie in der lasziv konzipierten Schwarzweißfassung ihren Schlafzimmerblick keine Minute ablegen.
Kinder kommen in Petras’ Variante gar nicht vor, da Nora sie ja nur zu Puppen in einem Puppenheim erzogen hat, interessiert sich auch der Autor nicht mehr für sie. Der Erpresser (Moritz Grove) ist als Charakter etwas eindimensional geraten. Der Ehemann (Bernd Moss, eine Starbesetzung), ist schärfer konturiert.
Sprache dem Volk abgelauscht, das sich auf facebook vernetzt
Die Sprache hat Petras dem Volk abgelauscht, das sich auf Facebook vernetzt. Es ist ein ubiquitär-neoliberaler Jugend-Slang, der menschliche Beziehungen versachlicht, ganz so, als hätte man es mit Apparaten und nicht mit Kommunikation und Interaktion zu tun. Da gibt es klare Antworten, entweder ja oder nein, eins oder zwei, der Mensch ist aber mehr ein Dazwischen. Da wirkt die Sprache manchmal ein ganz klein wenig zu jung für die Protagonisten. Weiterlesen
3.3
Durchschnittsnote aller Stücke
5 227+
4 594+
3 534+
2 291+
1 146+
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