Kritik zuAuferstehung
4.0/5
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Großer Bilderreigen
  · 30.03.22
''Das scheint natürlich auf den ersten Blick etwas albern, ist aber auch ein großes spielerisches Theatervergnügen, wie man es von Armin Petras kennt. Ein wenig nimmt er hier auch Tolstois Pathos auf die Schippe. Der Ernst des Romans zeigt sich aber durchaus auch, wenn etwa Regine Zimmermann mit Handschellen vor dem Vorhang Texte der Sozialrevolutionärin Bogoduchowskaja spricht, oder in Szenen im Gefängnis mit einer Art fahrbarem Gittergestell, aus dem heraus Katja ihre Gespräche mit dem sie retten wollenden Nechludow führt. Dessen Wohnung zeigt eine vergoldete Wand mit stilisierten Sonne. Nechludows Verlobte Missi (Kotbong Yang) tritt als mondäner Vamp auf und zum Besuch bei der reichen Tante (Katrin Wichmann) wird von einem Kellner (Andreas Leupold) ein Tisch gedeckt. So versucht Petras die Standesunterschiede herauszuarbeiten.

Nach der Pause öffnet sich die gesamte Bühne und zeigt ganz in weiß eine Phantasielandschaft mit großem Windrad, einem Floß und dem Tender einer Dampflok. Nechludow rennt als ewiger Reisender mit einem Koffer um die Drehbühne, während das Ensemble Szenen aus dem sibirischen Straflager spielt. Es geht um sozialrevolutionäre Utopien, die Lehren des Darwinismus und den freien Glauben ohne die Institution der orthodoxen Kirche. Katja lebt im Kreis der politischen Gefangenen sichtlich auf. Aber auch das Elend, die Gewalt, der Tod im Straflager und auf der Reise Nechludows dahin werden zu wummerndem Technosound in einem intuitiven Bilderreigen gespielt. Eine Art Fegefeuer vor der Hölle Sibiriens. Und dennoch wird Katja nach ihrer Begnadigung nicht mit Nechludow gehen, sondern beim politischen Gefangenen Simonson (Paul Grill) bleiben. Den Menschen zur Gesellschaft hin erziehen, ist eine der sozialrevolutionären Thesen im vorrevolutionären Russland. Die schreckliche Wahrheit der sowjetischen Gulags schwingt aber auch in Petras Inszenierung mit. Ohne Liebe geht es nicht, ist die andere Aussage dieses nicht immer großen aber spielerisch doch überzeugenden Abends.'' schreibt Stefan Bock am 29. März 2022 auf KULTURA-EXTRA
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