Kritik zuJenůfa
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Charakterstudien zweier Frauen
  · 14.02.21
Leoš Janáčeks Oper von 1904, in Berlin inszeniert von Damiano Michieletto. Am Pult der Staatskapelle Berlin Sir Simon Rattle. 
Noch immer prägen Corona-Maßnahmen unsere Theaterlandschaft. Eine Premiere gibt es deshalb nur als Livestream vor leerem Zuschauerraum zu sehen. Diesmal wird das Ereignis schwerpunktmäßig über 3Sat verbreitet.
Jenůfa (Camilla Nylund, Rollendebut)  liebt Števa (Ladislav Elgr), von dem sie ein Kind erwartet. Nur die Heirat könnte sie aber vor der uferlosen Schande einer unehelichen Geburt bewahren. Die Küsterin (Evelyn Herlitzius), moralische Autorität in der Dorfgesellschaft, verbietet diese Heirat, weil Števa ein gewalttätiger Trunkenbold sei. Jenůfa bringt ihr Kind heimlich zur Welt, und die Küsterin versteckt es im Haus. Števa will Jenůfa nun nicht mehr heiraten, weil sie ihm fremd geworden ist. Števas Stiefbruder Laca (Stuart Skelton) liebt aber Jenůfa und will sie ehelichen. Die Küsterin möchte Jenůfas Zukunft retten und wird das Kind ertränken, wobei sie dann behaupten wird, der Knabe  sei gestorben. 
Am Hochzeitstag von Laca und Jenůfa wird ein toter Knabe im Eis des Flusses gefunden. Die Küsterin bekennt sich schuldig. Jenůfa vergibt ihr, weil sie die fehlgeleitete gute Absicht hinter der Mordtat erkennt.  Am Ende schreitet sie ins Licht der Ehe mit Laca.
Regisseur Damiano Michieletto unterstreicht mit einem asketischen Bühnenbild (Paolo Fantin), das durch Lichtakzente (Alessandro Carletti) seine suggestive Wirkung erreicht, das szenische Konzept der Konzentration auf die Psychologie  der handelnden Personen. Wir bewegen uns in der engmaschigen Sittenstrenge einer zutiefst konservativen Dorfgemeinschaft, in der jeder Bewohner gefangen bleibt. 
Was an dieser Inszenierung wirklich fasziniert, sind die eindrucksvollen Charakterstudien zweier Frauen aus dem engen Dorfmilieu. Die Handlung wird zum bewegenden Abbild widerstreitender Gefühle in den beiden Frauen. 
Camilla Nylund realisiert ihr Rollendebut mit Hingabe und differenziertem Ausdruck. Sowohl die enttäuschte Liebe zu Števa wie die spätere Neigung zu Laca gelingen ihr überzeugend. Die stimmlichen Qualitäten sind gänzlich präsent und erlauben ihr sowohl anteilnehmende Wärme wie den expressiven Angstschrei. Besonders eindringlich gestaltet sie das Mariengebet vor dem Hausaltar. 
Wenn es allerdings noch eine Steigerung dieser Leistung gibt, dann gelingt sie Evelyn Herlitzius in der Rolle der Küsterin Buryjovka. Bei makellosem stimmlichen Ausdruck entwickelt sie in Gestik und szenischer Aktion ein Charakterbild, das die scheinbar widersprüchlichen Züge dieser Frau plausibel werden läßt und ein Mitgefühl generiert. Wie sie nach dem Kindsmord die Szene wieder betritt und mit aufgelöstem Haar verkündet, der Junge sei gestorben, ist höchst einprägsam. Am Ende das Schuldbekenntnis und der Satz zu Jenůfa "Jetzt sehe ich, dass ich mich mehr liebte als Dich" - die überzeugende Darstellung einer bemühten, aber irrenden Person.
Hanna Schwarz zeichnet bei bester stimmlicher Präsenz die Rolle der Großmutter, der alten Buryjovka, die immer bemüht ist, begütigend in die Auseinandersetzungen einzugreifen. 
Die beiden Tenöre gestalten überzeugend die Antipoden in der Heiratskonkurrenz. Ladislav Elgr ist Števa, der die rettende Verbindung mit Jenůfa ausschlägt. Den Gegenpol Lara verkörpert Stuart Skelton mit wuchtiger Gestalt und strahlender Stimmgewalt. 
Am Pult der perfekt intonierenden Staatskapelle Berlin beweist Simon Rattle seine intime Vertrautheit mit Janàčeks farbkräftiger Musik, die von einschmeichelnder Harmonik bis zu schrill expressivem Ausdruck reicht. Ein hübscher Einfall, den kommentierenden Chor im ersten Akt in den ansonsten leeren Zuschauerraum zu platzieren. Von hier kommt dann am Schluß auch der Sound des applaudierenden Chores. Insgesamt eine sehr überzeugende Aufführung, die noch eine Weile in der Mediathek und im weiteren Jahresverlauf auch live auf der Bühne der Staatsoper zu sehen ist. 

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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