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Woyzeck-Überschreibung als Drama einer toxisch-zerrütteten Beziehung
  · 19.12.20
Erstaunlich viel O-Ton aus Büchners Fragment blieb in dieser „Woyzeck Interrupted“-Fassung erhalten. Das „Best of“ der berühmtesten Zitate über den „hirnwütigen“ Franz, der jeden Halt verliert, ist auch in dieser Fassung zu hören. Diese Original-Passagen sind eingebettet in eine radikale Fortschreibung des Büchner-Texts: Franz und Marie sind ein Paar in unserer Gegenwart. Sie haben sich bei den Proben kennengelernt: er ein berühmter Schauspieler, sie eine junge Hospitantin. Nach den ersten Schmetterlingen im Bauch hat sie das Kind abgetrieben, die Beziehung ist in die Brüche gegangen. Doch da wir mitten im Lockdown sind, können sie sich nicht so einfach trennen.
Madri/Koohestani erzählen in den 90 Minuten vor allem, wie dieses Paar, das längst keines mehr ist, aber doch noch auf engstem Raum zusammen wohnt, miteinander ringt: Sie will ausziehen, er schlägt eine Paartherapie via Zoom vor, die er jedoch torpediert. Schnell wird klar, worum es ihm vor allem geht: die Kontrolle über sie zu behalten.

Die Konflikte werden in heutiger Sprache ausgetragen, in die immer wieder die Original-Passagen eingebaut sind. Anders als bei Simon Stone, der es zu seinem Markenzeichen gemacht hat, klassische Stoffe zu übermalen und in die Gegenwart zu transferieren, wird „Woyzeck Interrupted“ aber nie soap-artig und platt. Der Abend ist ein betont düsteres Kammerspiel, oft agieren die beiden Spieler*innen Lorena Handschin und Enno Trebs im Halbschatten. Ihre Dialoge sind eine Abfolge kleiner Miniaturen. Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“, die ebenfalls vom Scheitern einer Beziehung erzählen, sind dieser „Woyzeck“-Aktualisierung näher als die populären Arbeiten von Stone.

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