Kritik zuEverywoman
3.3/5
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Leben und Sterben einer einfachen Frau
  · 21.10.20
''Eine Erlösung kann diese recht minimalistische Inszenierung natürlich nicht liefern. Das Publikum lernt die 1968 aus dem westfälischen Lünen an der Lippe nach Berlin gezogene Lehrerin Helga Bedau in der Erzählung von Ursina Lardi kennen. Ein gelebtes Leben mit ihrer Zeit in einer WG (Neil Young klingt aus dem Rekorder) Demonstrationen vor der Deutschen Oper, frühe Ehe und Geburt des Sohns, der später zu seinem Vater nach Griechenland geht, wo Bedau auch begraben werden möchte. Dafür benötigt sie die Gage, nach der sie Ursina Lardi in den kleinen Dialogen im Video fragt. Auch Lardi stellt Fragen, die sich sehr direkt um die Krankheit und das Sterben drehen. „Wie kann es mich treffen?“ fragt Bedau. Da ist auch etwas von Zorn. Aber kann so ein Abend einen Menschen und sein Sterben wirklich erfassen? Das muss selbst Milo Rau aufgegangen sein. Die Binse, dass jeder Mensch vor dem Tod gleich ist, lässt sich so kaum erklären. Nur die Angst vor der Einsamkeit vor dem Tod ließe sich wohl durch so einen gemeinschaftsbildenden Theaterabend etwas nehmen.

Allerdings geht dafür der Text nicht genug in die Tiefe. Es überwiegen doch die etwas salbungsvollen, metaphysisch angehauchten Theaterreflexionen Lardis gegenüber den kurzen nüchternen Sätzen Helga Bedaus. „Warum gibt es nichts Neues vom Tod.“ fragt Lardi einmal. Ist das Sterben tatsächlich ein auserzähltes Drama? Dazu hätte man gern mehr erfahren. So erzählt Ursina Lardi am Ende wieder von einem Davor, diesmal von der kurzen, erwartungsschwangeren Leere vor dem ersten Applaus, als käme da noch etwas. Auch das könnte man als Metapher auf den Tod lesen. Letztendlich sucht der Abend nicht wie im Jedermann Trost im Glauben, sondern wieder in der Musik, die sich Bedau für ihren Tod wünscht und etwas Sommerregen dazu. Ursina Lardi am Klavier und die Bühnentechnik machen es möglich: Bach und Schnürlregen. Ein bisschen Mitfühlen im Theater ist also auch heute noch erlaubt. Und im Leben wie im Sterben sowieso.'' schreibt Stefan Bock am 21. Oktober 2020 auf KULTURA-EXTRA
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