Kritik zuExtrawurst
4.0/5
Bewertungen: 3
Rezensionen: 3
Alle Kritiken ansehen.
4 von 4 Personen fanden die Kritik hilfreich
Vom Recht auf den eigenen Grill
  · 15.12.19
Das Stück ist eine intelligente Paraphrase über gesellschaftliche Antagonismen. Oder verständlicher ausgedrückt: hier werden Alltagsgegensätze mit Schwung auf die Schippe genommen. Die Komödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob,  2019 in Hamburg uraufgeführt und jetzt unter der Regie von Guntbert Warns im Berliner Renaissance-Theater zu sehen, spielt im Versammlungsraum des Tennisvereins TC Lengenheide, dessen Mitgliederversammlung gerade ein paar weittragende Beschlüsse fassen soll. Manfred Gruber baut der Auseinandersetzung eine Bühne, auf der sowohl der Vereinsmuff wie ein begrenzter Gesichtskreis trefflich abgebildet sind, von der Holztäfelung der Wände bis zu den hochgesetzten Borden, auf denen die Vereinstrophäen in Gestalt zahlloser Pokale Platz finden. 
Der verbale Schlagabtausch innerhalb dieser diskussionstechnischen Sahneschnitte entzündet sich an der Frage, welcher Gasgrill als Nachfolger eines ausrangierten Vorläufers angeschafft werden soll. Denn unter den ambitionierten Mitgliedern des Tennisvereins ist auch Erol Oturan (Atheer Adel), ein Muslim mit türkischen Wurzeln. Vereinsmitglied Melanie Pfaff (Simone Thomalla) gibt zu bedenken, dass man Erol angesichts der muslimischen Speisevorschriften wohl nicht zumuten könne, Würste von einem Grill zu essen, der zuvor, horribile dictu, durch Schweinefleisch belastet worden ist. Nun geraten der Vereinsvorsitzende Dr. Heribert Bräsemann (Felix von Manteuffel), sein Vize Matthias Scholz (Hans Czypionka), und Melanies Gatte Torsten Pfaff (Christoph M. Ohrt) an immer neuen Dissenspunkten gehörig aneinander, wobei die Pointen zum Vergnügen des Publikums gut gesetzt sind und ordentlich knallen. Ein ganzer Strauß von Vorurteilen wird zum Nutzen der Handlung aufgeblättert, und verschiedene Religionen bekommen ebenso ihr Fett weg wie die Essgewohnheiten von Vegetariern, die Eigenschaften von Schwulen oder die Einstellungen notorischer Nazis. 
Nachdem die Fetzen geflogen sind und die einzige Tür  ordentlich geknallt hat, setzen sich die Akteure nacheinander ab, weil offensichtlich die Bindung an den Verein trotz aller Entschuldigungen erheblich gelitten hat. 
Das Publikum geniesst das Feuerwerk der wiederholten Beleidigungen und bisweilen blitzgescheiten Repliken mit hörbarem Vergnügen und spendet am Ende sämtlichen Darstellern und dem Regieteam fröhlich anerkennenden Applaus. 

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
War die Kritik hilfreich?