5.0/5
Bewertungen: 2
Rezensionen: 2
Alle Kritiken ansehen.
2 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Sie trifft exakt Marlenes Ton
  · 18.11.19
Marlene ist ohne Zweifel ein Faszinosum eigener Art. Sie war es zu Lebzeiten, und man hat gelegentlich den Eindruck, dass sich dieser besondere Reiz auch nach ihrem Fortgang  immer wieder einmal zu materialisieren vermag. Wie jetzt beim Gastspiel von Rita Feldmeier im Schloßpark Theater Berlin.

Rita Feldmeier, bekannt vom Potsdamer Hans-Otto-Theater und aus zahlreichen Fernsehrollen, ist hier tatsächlich in Gestik und Mimik Marlene bis in die Fingerspitzen. Das beginnt mit den Gewändern. Sie betritt, werbewirksam angekündigt, ein Hotelzimmer, schlank und blond, bekleidet mit einem Hosenanzug aus weit geschnittenem, schwarzem Beinkleid und einer weißen, bis zum Halskragen reichenden, vorn geknöpften Hemdbluse. Ihr zur Seite der Pianist Jörg Daniel Heinzmann, ein sensibler, virtuoser Begleiter, der sich einmal sogar im Duett Marlene hinzugesellt. Später kommt dann noch das legendäre Paillettenkleid zum Einsatz, umrahmt von einer spektakulären weißen Pelzrobe mit langer Schleppe - ein Auftritt, der eigens mit Bewunderungsrufen vom Publikum quittiert wird.

Die eigentliche Überraschung des Abends ist aber, mit welcher Akkuratesse und Präzision Rita Feldmeier den überlieferten Gesangston von Marlene zu treffen vermag. Das gilt für jedes klangliche Detail und sogar für das nie ganz Oxford-like "th" in ihren englischen Texten. Die Chansonstimme ist gewiß kräftiger als die von weiland Marlene, aber Rita Feldmeier vermag sie wunderbar zu zügeln, wodurch der täuschend ähnliche Eindruck entsteht, auf der Bühne würde wirklich Marlene ihre Songs hauchen. Etwas von der Stimmkraft zeigt sich in "La vie en rose", wo Rita Feldmeier in der Nähe von Edith Piaf landet.

Als roter Faden für die Songauswahl wird geschickterweise keine chronologische Reihung, sondern eher eine thematische Bündelung gewählt (Regie: Achim Wolff). So beginnt Marlene mit einigen schlichten Songs, die auch zu den weniger bekannten gehören, und sie steigert diesen Bekanntheitsgrad bis zu den besonders applaudierten Nummern, die ihren Vortragsstil bekannt und beliebt gemacht haben. Dazu gehört natürlich die temperamentvolle "fesche Lola", aber auch der Umstand, dass Marlene "von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt" ist, wie sie das erstmals im "Blauen Engel" filmisch kundgegeben hat. Der begeisterte Zuhörer vernimmt "Mein Mann ist verhindert, er kann Sie unmöglich seh'n" ebenso wie Pete Seegers "Weißt Du, wo die Blumen sind ?" Eine Verbeugung vor der Hauptstadt ist die Berlin-Sequenz, worin sich "Allein in einer großen Stadt" ebenso findet wie "Das war sein Milieu". Der gesprochene verbindende Text erinnert auch an die ambivalente Resonanz, die Marlenes erster Berliner Auftritt nach dem Zweiten Weltkrieg gefunden hatte.

Nach jedem Chanson spendet das Publikum begeisterten Applaus und will die Künstlerin samt ihrem Begleiter am Schluß gar nicht von der Bühne lassen - zumal sie abschließend bekennt, "noch einen Koffer in Berlin" zu haben.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
War die Kritik hilfreich?