Kritik zuHeart Chamber
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Zueinander in Zeitlupe
  · 16.11.19
In gewisser Hinsicht haben Uraufführungen im Operngenre eine Sonderstellung: Es gibt keine Präzedenzfälle für das betreffende Werk, und so entfällt der Streit darüber, ob eine Neuinszenierung das aufgeführte Opus angemessen wiedergegeben oder im Grunde verfälscht habe. Freie Bahn also für "Heart Chamber", das "Musiktheater" von der 1957 in Haifa geborenen Autorin und Komponistin Chaya Czernowin, das sich laut Ankündigung mit den "Einzelheiten des Sich-Verliebens" beschäftigt, also mit einem Themenkreis, der in vielen Opern eine Rolle spielt.

Was auf der Bühne geschieht, ereignet sich gewissermaßen in Slow Motion. Die beiden Angelpunkte der 90minütigen Aufführung, eine Frau (Patrizia Ciofi) und ein Mann (Dietrich Henschel) sitzen eingangs statisch auf einem Schemel. Später zeigen sich noch ihre und seine innere Stimme (Noa Frenkel und Terry Wey). Weiter geht's mit Interjektionen der beiden Hauptpersonen und ausgiebigen Videoprojektionen. Die Projektionswand auf der Drehbühne setzt sich in Bewegung und gibt den Blick frei auf eine Terrasse mit daneben angesiedelter Treppe, die von Mann und Frau sowie weiteren Akteuren begangen wird, bald hinauf und bald hinab, alles in Slow Motion. Für die Ausstattung ist Christian Schmidt verantwortlich, die Inszenierung besorgte Claus Guth.

Nach knapp einer Stunde umarmen sich die beiden Protagonisten, nur um sofort wieder voreinander zu fliehen und kurzgefaßte Fragen und Mutmaßungen über einander zu äußern. Erst ganz zum Schluß, vor dem häuslichen Kamin, beendet ein hingehauchtes "I love you" der Frau den ungleichen Liebeslauf.

Instrumental wird ein erheblicher Aufwand getrieben, der aber keinen tieferen Eindruck hinterläßt. Im Orchestergraben wartet das Orchester der Deutschen Oper unter der Leitung von Johannes Kalitzke auf seine nicht sehr zahlreichen Einsätze. Rings im Saalrund sind Lautsprecher platziert, aus denen ein Rauschen und Knistern zu vernehmen ist- elektronische Klänge vom SWR Experimentalstudio. Rechts und links von der Bühne finden in Drahtkäfigen die Mitglieder des Ensemble Nikel Platz, und die erste Reihe der Ranglogen rechts und links ist von Mitglieder eines Vokalensembles besetzt. Patrizia Ciofi darf ihren herrlichen Sopran mehrfach kurz aufleuchten lassen. Mehr ist über den musikalischen Teil der Aufführung nicht zu berichten.

Lohn der umfangreichen Mühe sind achtungsvoller Applaus und ein einzelner Buhruf.

Ohne Zweifel liegen Welten zwischen dem, was Richard Strauss oder noch Hans Werner Henze ihrem Publikum zu sagen hatten, und der Diktionsweise dieser Aufführung. Unmittelbare emotionale Akzeptanz wird nicht mehr angestrebt. Stattdessen wird kalkulierende Distanz vom Publikum erwartet und eine nicht enden wollende Geduld in der intellektuellen Analyse des Bühnengeschehens, das in wechselnde Klanginstallationen von beträchtlicher, aber wieder eher distanzierender Raffinesse eingebettet wird. Dass es gelingen sollte, unsere Musiktempel in Zukunft auf diese Weise zu füllen, ist aber eher unwahrscheinlich.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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