3.5/5
Bewertungen: 2
Rezensionen: 2
Alle Kritiken ansehen.
5 von 6 Personen fanden die Kritik hilfreich
Das entfesselte Drehteam
  · 28.10.19
Wenn einer eine Reise tut, dann bringt er auch was mit. Prinzipal Dieter Hallervorden war in Paris, entdeckte dort 2017 das von Patrick Haudecœur und Gérald Sibleyras verfaßte Bühnenstück "Attention, on tourne" und entschied spontan, diese Spielvorlage zu übersetzen und in Berlin als deutschsprachige Erstaufführung unter dem Titel "Ruhe! Wir drehen!" herauszubringen. Regisseur ist hier Thomas Schendel, für Bühnenbild und Kostüme ist  Oliver Lloyd Boehm verantwortlich.

Ort der Handlung ist einfach ein Drehort, ausgewiesen durch Scheinwerfer, Mikrofongalgen und Kamera. Gleich zu Beginn stürmt die Maskenbildnerin Christina (Susanna Capurso) auf die Szene, um, wie sie sagt, "Stimmung zu machen". Dann hat Oliver, der flinke Regieassistent (Karsten Kramer), seinen ersten Auftritt, und das Publikum  wird kurzerhand pauschal zur Komparserie erklärt, die für ihr frühes Erscheinen gleich ein Lob empfängt. Gigi, die Aufnahmeleiterin jongliert mit dem Mikrofongalgen, und der Regisseur Frank (Wolfgang Bahro) artikuliert seine unsterbliche Verliebtheit in Lola, die Schauspielerin( Annika Martens), die davon träumt, endlich eine Hauptrolle zu bekommen. Die dralle Aktrice Anne (Angelika Mann) liefert Repliken mit  trefflicher Kodderschnauze. Sie ist, wie man später erfährt, nur deshalb so rundlich, weil sie aus Sicherheitsgründen seit geraumer Zeit eine kugelsichere Weste trägt. Ihr Verehrer ist der Schauspieler Mario (Mario Ramos), eine fabelhaft karikierte Type, der vom Glauben an seine unwiderstehliche Ausstrahlung erfüllt ist, während alle anderen ihn gern einmal übersehen. Mario trägt ständig eine Waffe im Sakko, weil er vermutet, dass seine geliebte Anne einen Liebhaber hat, der irgendwo inmitten der Publikums-Komparserie sitzt. Produzent André (Karsten Speck) versucht mal ernsthaft, mal mit aufgesetztem Lächeln die Dreharbeiten voranzubringen. André ist im wirklichen Leben der Ehemann von Anne, die ihn dank eines gesunden Finanzpolsters an der kurzen Leine hält. Aus Rache möchte er Anne umbringen und vertauscht die Platzpatronen in Marios Waffe gegen echte Munition.

Während sich die Handlung bis zur Pause von einem Knalleffekt zum nächsten bewegt, nimmt sie nach der Pause noch einmal zusätzliche Fahrt auf. Dann wird nämlich unter den Komparsen im Parkett ein netter junger Mann gesucht, der den Liebhaber von Anne zu mimen bereit ist. Der wird dann auch gefunden, heißt Dennis und übernimmt seine Rolle anfangs mit gespielter Zaghaftigkeit, was beim Publikum größte Anteilnahme auslöst. Mit zunehmendem Handlungstempo gerät dieser Sympathieträger dann doch noch in ein paar prekäre Situationen und landet sogar unerwartet in einem Brunnen, als er die füllige Anne aufzufangen versucht.

Von Dennis' Enttarnung und dem überraschenden Schlußeffekt soll hier nicht mehr verraten werden, um die Spannung nicht zu torpedieren. Nur so viel sei gesagt: das Publikum erlebt einen überaus vergnüglichen Abend, der in  langanhaltendem, begeistertertem rhythmischem Applaus mündet. Am Ende  stimmen sogar Publikum und Darstellerensemble aus voller Kehle Walter Kollos Schlager von 1913 "Die Männer sind alle Verbrecher" an - ein unvergeßlicher "Rausschmeißer".

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
War die Kritik hilfreich?