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Ganz von dieser Erde
  · 23.10.19
Ein in vieler Hinsicht ungewöhnlicher Theaterabend. Der irische Schriftsteller und Literaturkritiker Colm Tóibín veröffentlicht 2012 seinen Roman "The Testament of Mary", der Regisseur Elmar Goerden macht daraus eine Bühnenfassung, die 2018 in den Hamburger Kammerspielen Premiere  hatte und nun ein paar Abende lang auch im Berliner Renaissance-Theater zu sehen ist. Alleinige Darstellerin des anderthalbstündigen Monologs ist die inzwischen über 80jährige Nicole Heesters. Aber damit nicht genug der Besonderheiten: das Sujet rührt ans Allerheiligste und ist gewissermaßen ein Gegenentwurf zu den Überlieferungen des Neuen Testaments. Maria, die Mutter Jesu, gibt einen Bericht von Höhepunkten ihres Lebens, und sie tut dies ohne weihevolles Wortgeklingel, als einfache Frau und Mutter, die ganz von dieser Erde ist und allen Überhöhungen gründlich abhold.

Maria erscheint hier als eindimensionale Persönlichkeit und erlebt die Karriere ihres Sohnes inmitten der "Horde" seiner Jünger aus der Distanz eines schlichten Geistes, dem die Dimension des Göttlichen einigermaßen fremd bleibt. Desto ursprünglicher und lebendiger haften ihr die Details aus dem Leben Jesu im Gedächtnis, die wir aus der Überlieferung des Neuen Testaments kennen. Und es geschieht etwas ganz Merkwürdiges: in der Darstellung aus dem Munde dieser Frau bekommen ihre Schilderungen, frei von aller Blasphemie, eine gesteigerte Glaubwürdigkeit und Unmittelbarkeit.

Wir werden Augen- und Ohrenzeugen höchst seltsamer Ereignisse: der Erweckung des Lazarus, nachdem dieser vier Tage im Grabe gelegen hat, der Hochzeit zu Kanaa, wo Jesus sechs Krüge Wasser in Wein verwandelt, und schliesslich die Kreuzigung, wo Maria die Schmerzensschreie ihres Sohnes in grausamer Nähe miterlebt und sich davonstiehlt, als die brutalen Eindrücke übermächtig werden.

Das Ergebnis ist keineswegs ein Zerrbild der Überlieferung, sondern eher ein Gewinn an Wahrhaftigkeit.

Der Abend gehört natürlich Nicole Heesters und ihrer darstellerischen Kunst, die mit äußerster Ökonomie der Gesten und Gänge die Spannung hält und den Zuschauern ihre überaus prägnanten persönlichen Erfahrungen vermittelt. Im ausführlichen, dankbaren Schlußapplaus kulminiert die Bewunderung des Publikums für eine Leistung, die allein  für sich genommen schon hervorhebenswert ist und alles Befremdliche, Würdelose vergessen lässt. Auch wenn man vielleicht zögert, Marias finale These anzunehmen, dass die Welt es nicht wert sei, erlöst zu werden.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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