Kritik zuHiob
4.0/5
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Gottes gewundene Wege
  · 14.09.19
Ein erstaunlich ernsthafter, ernstzunehmender Abend, Theater, wie es vielleicht früher einmal war und wie man es an unseren grossen Bühnen inzwischen kaum mehr findet. Hier wird auf der Basis eines ungemein poetischen Romantextes ein erkenntnistheoretischer Konflikt bis zur letzten Konsequenz durchgespielt. Keine Ausflüchte, keine Appetithäppchen für ein übersättigtes Publikum, kein Kokettieren mit Gags oder Videotechnik. Einfach nur gute, ehrliche Bühnenarbeit.

Regisseurin Jasmina Hadžiahmetović, die auch die Bühnenfassung von Joseph Roths Roman aus dem Jahre 1930 übernommen hat, hält sich im gesprochenen Text sehr weitgehend an diese Vorlage, wodurch die überaus bildhafte, poetische Sprache dieses Autors ihren spezifischen Reiz entfalten kann. Hella Prokophs unprätentiöse Ausstattung der Bühne mit einfachen Lampengirlanden unterstützt die Konzentration auf die dargestellte Fabel. Einen besonderen Akzent setzen die weißen Papierbahnen, die zunächst an den Wänden befestigt und von den Schauspielern dann Zug um Zug mit gebetsartigen Anrufungen Gottes beschriftet werden.

Zwei weibliche und zwei männliche Darsteller übernehmen die Aufgabe, Joseph Roths Romangestalten lebendig werden zu lassen. Im Mittelpunkt steht Mendel Singer, Tora-Lehrer für jüdische Kinder im russischen Zuchnow (Christian Dieterle). Gemeinsam mit seiner Frau Deborah (Magdalene Artelt) hat er zwei Söhne: Jonas und Schemarjah sowie eine Tochter Mirjam, deren Rollen im Wechsel von Florian Rast und Senita Huskić übernommen werden. Als viertes Kind wird ihnen Menuchim geboren, der mit einer schweren Entwicklungsstörung zur Welt kommt. Daraus ergibt sich für die Familie eine belastende Prüfung, der Mendel und Deborah auf unterschiedliche Weise begegnen.

Mendel ist der Typus des tief gläubigen Juden, der ein sehr enges Verhältnis zu "seinem" Gott hat und alle Erfahrungen als unmittelbare Äußerungen von Lob und Tadel Gottes erlebt. Die beiden Söhne Jonas und Schemariah werden zum Militär einberufen, der pfiffigere Schemarjah setzt sich nach Amerika ab und schickt von dort Geld, damit die Eltern ebenfalls ins "freie Land" jenseits des Atlantik übersiedeln. Die zögern anfangs, weil es bedeutet, den behinderten Menuchim bei einer Pflegefamilie zurückzulassen. Schließlich machen sie sich zu Schiff auf den Weg.

Schemarjah, der sich jetzt Sam nennt, und sein Freund Mac melden sich beim Kriegseintritt Amerikas 1917 zum Militär. Sam fällt an der europäischen Front, und seine Mutter Deborah stirbt vor Kummer über die Todesnachricht. Bruder Jonas, der in Russland geblieben war, wird dort als verschollen gemeldet, und Tochter Mirjam erleidet eine Psychose und wird in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Mendel wird durch diese Kette von Schicksalsschlägen an seiner Gläubigkeit irre, lästert Gott und gerät selbst in einen Zustand der Raserei, und nach seinem wütenden Aufbegehren verlassen ihn die Kräfte. Wie im Traum bekommt er noch die Wende zum Guten mit, die im Roman von Joseph Roth noch sehr viel ausführlicher dargestellt wird. Eines Tages steht Menuchim im Flur, groß, stark und erfolgreich, und die anderen Familienmitglieder scheinen Mendel liebevoll zu umringen und im Ableben zu begleiten.

Das Premierenpublikum folgt dem "Roman eines einfachen Mannes", wie der Untertitel von Joseph Roths Werk lautet, mit nie nachlassender Aufmerksamkeit, ungeachtet des grüblerischen Naturells der Hauptperson, und am Ende belohnt reicher Applaus das Ensemble und das Regieteam für eine außergewöhnlich beeindruckende Leistung.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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