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Ein Mordsvergnügen
  · 08.09.19
Es ist eine mehrfach genutzte Spielvorlage, dieses "Adel verpflichtet", hier von Dogberry & Probstein (Pseudonyme von Übersetzer und Autor Anatol Preissler und Co-Autor und Schauspieler Otto Beckmann) nach dem Roman "The Autobiography of a Criminal" von Roy Horniman aus dem Jahre 1907. Der Roman lieferte bereits die Drehbuchvorlage für den Film von 1949, in dem Alec Guinness sämtliche Mitglieder der D'Ascoyne-Familie spielt, die er entlang der Erbfolgelinie aus dem Wege räumen muss, um selbst des ihm zu Unrecht vorenthaltenen Adelstitels teilhaftig zu werden. Schon aus diesem Ansatz wird deutlich, worum es hier geht: serviert wird ein  Destillat tiefschwarzen britischen Humors mit einer Menge zündfähiger Knalleffekte und im Wechsel mit versonnen-versponnener, etwas sarkastisch getönter Lebensphilosophie.

Regisseur Anatol Preissler püriert die Romanhandlung zu einer kurzweiligen Folge wirkungsvoller Szenen, in denen die erstaunlichen Verwandlungsmöglichkeiten der kleinen Bühne im Verein mit flottem Licht- und Sound-Design vorteilhaft zur Geltung kommen.

Victor Lopez( Otto Beckmann) sitzt hinter Gittern und harrt seiner Hinrichtung, weil ihm der Mord an seinem Rivalen Lionel Holland (Tommaso Cacciapuoti) zur Last gelegt wird, den er aber nicht begangen hat. Die Wartezeit verbringt er im Dialog mit seinem Henker William Calcraft (Oliver Nitsche) beim Verfassen seiner Memoiren. Die fördern eine beispiellose Karriere zutage: Victors Vater ist ein etwas windiger mexikanischer Schlagersänger (ebenfalls Tommaso Cacciapuoti), der sich zum Vergnügen des Publikums immer wieder mit geplärrten Extempores in Erinnerung bringt. Die Mutter aber (Jantje Billker) stammt aus dem Adelsgeschlecht derer von Gascoyne, und sie setzt ihrem Sohn den Floh ins Ohr, er sei damit etwas Besseres. Der Sohn hat daraufhin nichts Eiligeres zu tun, als diejenigen Adligen ins Jenseits zu befördern, die in der Gascoyne-Erbfolge vor ihm rangieren, um selbst ein Gascoyne zu werden. Er tut dies ebenso unauffällig wie ingeniös, so dass ihm bei seinen Mordtaten niemand auf die Schliche kommt.

Auf der Szene wird diese Meuchel-Rallye nun mit viel Fantasie und schauspielerischem Geschick vorgeführt. In Erinnerung bleiben davon vor allem die Auftritte der Hallervordens: Vater Dieter glänzt als bärbeißiger Bankbesitzer, als Schauspieler (was in ein hinreissendes Grotesk-Video mit Stummfilmeffekt mündet), als Pater und als Hundeliebhaber, dessen gedopte Huskies den Schlittenfahrer so lange über den zugefrorenen See ziehen, bis der selbst zum Eiszapfen erstarrt ist. Sohn Johannes steht ihm in seinen Verwandlungen keineswegs nach: sowohl als Schachspieler wie als Tante Ughtretta Gascoyn hat er die Lacher auf seiner Seite. Wenn die Tante, von kleinster Sünde belastet, in den Beichtstuhl wankt, der mit elektrisch (über Fahraddynamo) gezündeten Knallkörpern bestückt ist, hat die Mordserie einen Höhepunkt erreicht. Als smarter Graf Simeon Gascoyne beendet er schliesslich sein Dasein bei einem Jagdunfall während einer Fuchsjagd.

Victor ist am Ziel, wäre da nicht diese vertrackte Mordanklage. Aber da kommt Sibella Holland (Annika Martens) ins Spiel, die einen Abschiedsbrief ihres Mannes verwahrt, der Viktor entlastet. Dummerweise hat der aber beim Gang in die Freiheit sein Manuskript mit den Memoiren in der Zelle liegen lassen. Der Henker triumphiert. Nun darf er doch noch seines Amtes walten.

Das Publikum folgt der Story mit Begeisterung und spendet am Ende dem gesamten Ensemble reichen Applaus.  Allein das Vergnügen, dem unverändert vitalen Didi Hallervorden bei seinen Gratwanderungen zwischen Parodie und Klamotte zu folgen, lohnt diesen Theaterabend auf jeden Fall.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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