Kritik zuAgrippina
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Das barocke "House of Cards"
  · 30.07.19
''Eine der vielen komischen, ja ironischen Szenen, mit denen die schmissige Inszenierung (Barrie Kosky) dieser frühen Erfolgs-Oper Händels gespickt ist: eine rasante Polit-Satire. Jede(r) lügt, wenn er (oder sie) nur den Mund aufmacht. Händel schrieb sie mit nur 24 Jahren 1709 in wenigen Wochen - die aktuellen Proben dauerten länger. Ein weiterer Clou: Das Libretto soll ausgerechnet von einem römischen Kardinal stammen, Vincenzo Grimani, dem damaligen kaiserlichen Botschafter im Vatikan. Er dürfte gewusst haben, wovon er schrieb. Mit Agrippinas etwas dämlichem Mann Claudio sei Papst Clemens XI. gemeint gewesen. Wie auch immer. Die Männer kommen schlecht weg - schlichte Gemüter. Sie sind den beiden weiblichen Figuren der Oper, Agrippina und Poppea, weit unterlegen. 

Vor allem die erfahrene Politstrategin Agrippina (stimmgewaltig, omnipräsent, mit abgedunkeltem Timbre: Alice Coote) zieht so erfolgreich wie kühl die Strippen. Eine barocke Claire Underwood mit einem Schuss Madonna, als sie sich triumphal ein Mikrophon greift - im Schlafanzug. Gegen Ende wird sie immer männlicher, sie hat die Hosen an. Und sie hat gewonnen: Nerone ist Kaiser. Aber persönlich glücklich wird sie nicht. Das zeigt auch ihre wunderschöne Arie „Pensiere, voi mi tormentate (Gedanken, ihr quält mich)“. Händel hat die meisten Partien für sie in einer Moll-Tonart geschrieben - entgegen dem Libretto, das sie als monströse Siegerin feiert. Am Schluss der Oper bleibt Agrippina einsam zurück. Die junge Poppea (temperamentvoll und stimmlich leichtfüßig: Elsa Benoit) hat von ihr gelernt - das Intrigieren, aber auch den Wert der Liebe. Sie entscheidet sich für den einzig Aufrichtigen, Claudios Lebensretter Ottone. Ende gut, alles gut? Die Geschichte sagt nein. Agrippina und Poppea werden später von Nero umgebracht. Aber da ist die Oper schon aus.'' schreibt Petra Herrmann am 24. Juli 2019 auf KULTURA-EXTRA
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