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Tanz der Ikonen
  · 03.06.19
Es ist gewiß eine Gratwanderung, zwei Ikonen des Showgeschäfts wie Marlene Dietrich und Edith Piaf leibhaftig auf der Bühne miteinander gegeneinander antreten zu lassen. Wenn dies aber gelingt, wie jetzt im Berliner Renaissance-Theater, dann wird daraus ein großartige Reality-Inszenierung.

Das Theaterstück stammt von Daniel Große Boymann und Thomas Kahry und fußt auf einer Idee von David Winterberg. Regie führt Torsten Fischer. Die Ausstatter Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos bauen ihm eine Bühne, die wirklich nur eine kahle  Showbühne mit ein paar Standmikrofonen ist. Nach hinten wird sie, grandiose Idee, durch einen riesigen, von einem Lichtband begrenzten Spiegel abgeschlossen, der die Akteure in Rückenansicht abbildet und außerdem noch ein Livebild des Publikums im Zuschauerraum liefert. 

Spatz Piaf und Engel Dietrich hatten ein Verhältnis, das man wohl irgendwo zwischen Freundschaft und Liebe ansiedeln muss. Es gab Thriumphe und Abstürze bis zum völligen Zerwürfnis, aber zumindest in Gedanken stellte sich auch immer wieder Verzeihung ein. 

Beide Titelfiguren, Anika Mauer als Marlene Dietrich und Vasiliki Roussi als Edith Piaf sind grandios und beherrschen mit ihren Auftritten die Szene. Ralph Morgenstern und Guntbert Warns liefern als Sparringspartner mal eine Momentaufnahme männlicher Partner, mal einfach ein paar ergänzende Informationen. Am Flügel sitzt  Harry Ermer, und es liesse sich nicht leicht ein einfühlsamerer Songbegleiter denken. Eugen Schwabauer steuert per Akkordeon die Klangfarben der französischen Chansons bei. 

Edith Piaf ist nach chaotischer Kindheit und Jugend selig über ihr Leben zwischen dem Geliebten, dem Boxer Marcel Cerdan und der Freundin Marlene. Aber der unbeschwerten "menage à trois" ist keine Dauer beschieden. Marcel nimmt ein Flugzeug, um rascher zu Edith zu kommen, das Flugzeug stürzt ab, und er büßt sein Leben ein. Die Piaf wird depressiv und drogenabhängig. Gleichwohl geht das Leben weiter, und die beiden Freundinnen teilen Trost und Streit.

Die Lebensgeschichte von Piaf und Dietrich bildet den roten Faden, der die Bühnenhandlung zusammenhält. Den eigentlichen Kern des Bühnengeschehens bilden aber die Songs, die in einer faszinierenden Annäherung an die unerreichbaren Originale dargeboten werden. Anfangs dominieren die Chansons der Piaf. Vasiliki Roussi taucht hier stimmlich und figürlich derart tief in das Psychogramm ihrer Vorbildfigur ein, dass man immer wieder die Piaf zu hören und zu sehen meint. Aber Anika Mauer steht ihr in der Imagination der Marlene Dietrich keineswegs nach. Wenn sie mit Frack und Zylinder oder im langen, eleganten Glitzerkleid die Bühne betritt, geht ein Raunen durchs Publikum, und spontaner Beifall brandet auf. 

Wer die Songs der beiden so unterschiedlichen Showgrößen liebt, kommt an diesem Abend voll auf seine Kosten. Das beginnt mit der wohlbekannten, flott vorgetragenen Schnoddrigkeit "Wenn die beste Freundin...", geht über "Padam,Padam" von der Piaf und "Frag nicht, warum ich gehe" von der Dietrich bis zu Piafs "Milord" und "La vie en rose", von allen beiden interpretiert. Absoluter Kulminationspunkt sind zwei Titel: Das wunderbare "Sag mir, wo die Blumen sind" der Dietrich in der ernsten, klar artikulierten Interpretation durch Anika Mauer trägt ihr jubelnden Szenenapplaus ein. Und Vasiliki Roussi landet ihren persönlichen Haupttreffer mit dem schmetternden "Non, je ne regrette rien" - auch hier erreicht der Jubel des Publikums absolute Höchstwerte.

Insgesamt ein professionell gestalteter Song-Abend, der an szenischer Dichte und musikalischer Perfektion keine Wünsche offen läßt. Das Publikum honoriert die Revue mit begeistertem  Applaus.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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