Kritik zuOceane
4.7/5
Bewertungen: 3
Rezensionen: 3
Alle Kritiken ansehen.
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Die rätselhafte Frau aus dem Meer
  · 29.04.19
Theodor Fontanes Novellenfragment „Oceane von Parceval“ aus dem Jahre 1882 wurde zum Gegenstand einer Opernproduktion des Komponisten Detlev Glanert und des Librettisten Hans-Ulrich Treichel. Die Uraufführung dieses Auftragswerks der Deutschen Oper Berlin fand jetzt zum 200. Geburtstag des Autors im Opernhaus an der Bismarckstrasse statt. 

Die Handlung knüpft an den uralten Mythos von  Nixen und Sirenen wie Undine und Melusine an,  geheimnisvollen weiblichen Wesen, die dem Meer entstammen und auf wundersame Weise in das Leben der Menschen eingreifen, dabei häufig scheitern und in ihr feuchtes Element zurückkehren müssen. 

Glanerts „Oceane“ ist das szenisch sehr fesselnd umgesetzte Psychogramm einer Frau in einer psychischen Zwischenstufe, die sich danach sehnt, zu empfinden  wie andere Menschen, und die dazu gleichwohl ausserstande ist. Ihr unbewusstes Verhalten stösst die Allgemeinheit vor den Kopf, und sie hat am Ende keine andere Wahl, als dahin zurückzukehren, wo sie hergekommen ist. 

Robert Carsens Regie verlegt Ort und Zeit der Handlung in die Jahre vor dem ersten Weltkrieg und auf die Terrasse eines einstmals mondänen Hotels an der Küste.  Madame Luise, die Prinzipalin (Doris Soffel) träumt von besseren Zeiten und wünscht sich eine Finanzspritze zur Hotelsanierung.  Ihr Diener Georg stimmt bei der Vorbereitung des Sommerballs in die Klage seiner Chefin ein ("Verschlissene Lampions, traurig, traurig"). Die ersten Gäste treffen ein, darunter der junge Gutsbesitzer Martin von Dircksen (Nikolai Schukoff)  und sein Freund Dr. Albert Felgentreu (Christoph Pohl), außerdem Pastor Baltzer (Albert Pesendorfer). Alle erwarten den Auftritt von Oceane von Parcevals (Maria Bengtsson), die zusammen mit ihrer Gesellschafterin Kristina (Nicole Haslett) im Hotel von Madame Luise logiert. Bevor Oceane erscheint, gehen Gerüchte über ihre Herkunft und ihren vermuteten Reichtum um. Als sie schließlich auftritt, ist Martin sofort in sie verliebt und tanzt mit ihr. Oceane gerät in Extase und steigert sich in einen emphatischen Solotanz, was die Ballgesellschaft mit Empörung und Ablehnung quittiert. 

Später gesteht Martin Oceane seine Liebe, die aber von ihr nicht erwidert wird. Am nächsten Morgen wird am Strand ein ertrunkener junger Fischer gefunden, und der Pastor hält eine Andacht. Statt persönlicher Anteilnahme bleibt Oceane kühl und nimmt stattdessen an einem Picknick mit Martin sowie Kristina und Albert teil. Oceane küßt Martin, ohne dass sie dabei etwas fühlt. Martin verkündet daraufhin Albert und Kristina, die heiraten wollen, seine Verlobung mit Oceane. Bei der Bekanntgabe dieser Absicht im Kreise der Hotelgäste wird die gesellschaftliche Ablehnung gegenüber Oceane unverhohlen offenkundig. In der Schlußszene am Strand liest Martin den Abschiedsbrief Oceanes und bleibt allein zurück. 

Die sehr konzentrierte Darstellung ohne Längen oder Leerlauf wird von der Musik in kluger Wahl der Mittel getragen und gesteigert. Der durchgehende Grauton in Kostümen und im Rahmen des Bühnenbildes fördert den rätselhaft-tragischen Gesamteindruck. Den stärksten optischen Akzent setzt die suggestive Videoprojektion von Meereswogen, in denen Oceane zeitweilig zu versinken scheint. Detlev Glanerts Kompositionstechnik unterstützt und koloriert die Szene, und Donald Runnicles am Pult des hellwachen Orchesters der Deutschen Oper Berlin ist ein souveräner Interpret dieser Partitur. Jeremy Bines hat die Chöre des Hauses mit gewohnter Sorgfalt instruiert, und sie erweisen sich sowohl als raunende Sirenen wie als kommentierende Hotelgesellschaft als sehr klangschöne Akzentsetzer. 

Das Publikum der Uraufführungspremiere ist sowohl von der szenischen Gestaltung wie von der musikalischen Umsetzung gleichermaßen angetan und honoriert den erfolgreichen Beitrag zum Fontane-Jahr mit ausgiebigem Applaus für das Ensemble, das Orchester und die Solisten. 

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
War die Kritik hilfreich?