Kritik zuSpreeperlen
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Die Insel der Gestrandeten
  · 25.04.19
Zu ihrem 70jährigen Jubiläum spendiert sich die mutige kleine Bühne neben dem Musical-Tempel "Theater des Westens" eine Produktion, die sie "Berlin-Revue" tauft. Wer nun aber geglaubt haben mag, hier träfen sich zum hundertsten Mal all die leidigen, angestaubten Berlinismen aus vergangener Zeit, sieht sich zur rasch einsetzenden Erleichterung gründlich getäuscht. Wenn überhaupt etwas an die Spree-Litaneien früherer Prägung erinnert, dann als behutsam angesetzte Parodie. 

Stattdessen präsentiert ein glücklich ausgewähltes sechsköpfiges Ensemble in der Regie von Bettina Rehm nach einer Konzeption, die von der Regisseurin in Kooperation mit Lars Georg Vogel entwickelt wurde, eine fröhlich zusammengewürfelte Folge von Songs, die aber nicht einfach nur als Gesangsnummern vorgeführt werden. Vielmehr sind die einzelnen Interpretationen durch eine fiktive Handlung einleuchtend verknüpft, und das Ergebnis sind hundert Minuten ungetrübten Publikumsvergnügens. Dabei wird kein Wort gesprochen - alles ist Ausdruck plus Singstimme. 

In der langen Reihe der melodiösen Urheber finden sich bekannte Namen wie Abba, Hilde Knef , Nina Hagen und Paul Kuhn, die aber wie Franz Schubert und Franz Lehár sämtlich und unmerklich in den Programmfluss eingeschmolzen werden. Wie unter einem Brennglas versammelt sich Berlin während einer Sommernacht in einer Strandbar, deren Wirt gerade schliessen will, als ihm nach und nach ein paar gestrandete Existenzen durch das Lametta der Bühnenumrandung hereinpurzeln (Ausstattung: Julia Hattstein). Da sitzt zum Glück noch die Pianistin Hanna (Hanno Siepmann) am Tafelklavier und klimpert versonnen ein paar Takte in Richtung Feierabend, aus dem dann aber fürs erste nichts wird. Stattdessen lässt sich Kathrin, die frühere Floristin (Anja Dreischmeíer), die jetzt als Strassenkind lebt, mit schön timbrierter Stimme und Hilde Knefs Song "In dieser Stadt war ich mal zuhaus" vernehmen. Zuvor war sie schon absolut glaubwürdig mit Stirnband und aufgehaltener Hand durchs Parkett gezogen, um "ein paar Euro oder ein Getränk" dem Publikum abzuluchsen. 

Was nun folgt, wird unaufdringlich, aber gut funktionierend geleitet von Hanna am Piano in knallroter Abendrobe mit Spitzen-Oberteil und strohblonder Langhaar-Perücke, mit souveräner Gelassenheit jedes erledigte Notenblatt zur Seite legend. Dann kommt Patricia herein, aus Saarlouis stammend und jetzt beim Sicherheitsdienst der BVG (Stella Denis). Hinter der Theke agiert Sandro, der Wirt der Strandbar "Spreeperle" (Robert Huschenbett), ein routinierter Shaker vor dem Herrn. Dann ist da noch Jessica, die in Cottbus lebende Friseurin (Natalie Mukherjee) in einem großformatigen weißen quasi- Hochzeitskleid, deren jazzige Stimmgewalt es mit mit Tina Turner aufnehmen kann. Ja, und Florian, der höhere Angestellte eines Start-up-Unternehmens, den Freuden des Alkohols ebenso zugetan wie jeder Art von Weiblichkeit, ein gelegentlich benebelter Poltergeist mit kräftigem Baß. 

Wie  dieser sechsköpfige Chor  immer neue musikalische Arrangements mit größter Selbstverständlichkeit und in bester Klangqualität auf die Bühne stellt, ist ein Gewinn gleichermaßen für Auge und Ohr. Ein erfrischender Höhepunkt vor der Pause: der mit fetzigem Schwung vorgetragene Song,  der vom Genuss der Peanuts aus den überall aufgestellten Schüsselchen abrät.

Für den üppigen Applaus des Premierenpublikums bedanken sich die Akteure neben den üblichen Verbeugungen mit ein paar Zugaben, die das Feuer der Begeisterung noch einmal anheizen. Insgesamt eine sehr gelungene Jubiläumsgabe, in der sich drollige Repliken und brillante Aktualitäten hervorragend ergänzen. 

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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