Kritik zuCharlys Tante
4.2/5
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Doña Lucia aus Brasilien
  · 07.04.19
Diese Tante hat es in sich, und man merkt ihr kaum die Jahre an, die sie mittlerweile angesammelt hat. Ihr eigentlicher Vater war der britische Autor Brandon Thomas, der die Farce "Charleys Aunt" im Jahre 1892 herausbrachte. Nach reichlichen Bühnenerfolgen sammelte die verkleidete Dame im Film vielfache Meriten: Heinz Rühmann schlüpfte 1956 in die Gewänder der Tante, und Peter Alexander tat es ihm 1963 gleich. Nicht immer war die Kritik begeistert: der Kostümkomödie haftete damals ein Hauch von Verruchtheit an in Zeiten, da der Begriff "Travestie" noch ein Fremdwort war, und bürgerliches Naserümpfen folgte bisweilen als typische Reaktion.  Heute kann man im Gegenteil  von der "Tante" als von einem Klassiker dieses Genres sprechen.

Im Berliner Schloßpark Theater hat "Charlys Tante" jetzt ihre ungebrochene Vitalität unter Beweis gestellt. Allerdings hat man ihr auch eine Verjüngungskur spendiert, die ihr glänzend bekommen ist. Vom Regisseur René Heinersdorff stammt die Bearbeitung, die ein paar beherzte Ergänzungen aus der Jetztzeit hinzufügt und damit der flott vorgetragenen Story zusätzlichen Drive verleiht.

Ort der Handlung ist nunmehr das Gewächshaus eines Zoos, aus dem kontinuierlich ein exotischer Soundmix von Urwaldlauten zu vernehmen ist. Hier ist Babbs (Markus Majowski) der unumstrittene Chef, der für eine gute Zigarre auch mal die beiden Studenten Jack Chesney (Johannes Hallervorden) und Charly Wykeham (Daniel Wobetzky) zum ungestörten Nachdenken hereinläßt. Die beiden Freunde haben ein gemeinsames Ziel: das erträumte Jawort der von ihnen umworbenen türkischen Mädchen Aishe (Kim Zarah Langner) und Sema Spittigül (Alice Zikeli) zu bekommen. Deren Vater, der Import/Export-Kaufmann Spittigül (Aykut Kayacik als herrlich pointierte türkische Knallcharge) hütet die beiden Mädchen allerdings wie seinen Augapfel. So kommen die zwei Studenten auf die Idee, den Vater und seine Töchter zu einem improvisierten Brunch ins Gewächshaus einzuladen, wo sich auch Donna Lucia, Charlys Tante aus Brasilien, einfinden soll, die ihren Besuch angekündigt hat. 

Leider verzögert sich die Ankunft der brasilianischen Tante, und auf der verzweifelten Suche nach einem Ersatz-Anstandswauwau verfallen die beiden Studiosi darauf, den hilfsbereiten Babbs als Pseudo-Brasilianerin auszustaffieren. Gesagt-getan, und Markus Majowski liefert präzise und zum größten Publikumsvergnügen die Rolle des weiblichen Katalysators ab, der die Erwartungen sowohl von Vater Spittigül wie vom zusätzlich aufgetauchten Colonel Francis Chesney (Oliver Nitsche), dem Vater von Jack, zur Gänze erfüllt, nicht ohne daß es zu mannigfachen Komplikationen kommt. 

Als Jack und Charly schliesslich die Zustimmung von Aishe und Sema bekommen, entlädt sich ihre Begeisterung in einem hinreissend geschmeidig getanzten Song nach türkischer Manier, der dann als wirkungsvolle Pausenklammer auch noch die beiden Teile des Stückes verbindet. 

Um die Verwirrung komplett zu machen, taucht schliesslich doch noch  Charlys echte Tante Lucia d'Alvadorez (Claudia Neidig) auf,  und aus dem Zusammentreffen der echten und der falschen Dame wie auch der Adoptivtochter von Tante Lucia, Ella Delahay (Katharina Hadem) mit dem inzwischen  wieder zum Manne rückverwandelten Babbs ergibt sich ein ganzes Feuerwerk von Überraschungseffekten, die schließlich in den Schlußchor mit dem beflügelnden Text "Das Leben ist schön! " münden. 

Das animierte Premierenpublikum honoriert die sorgfältig einstudierte Applaus-Sequenz samt Überreichung der obligaten Blumensträuße fürs gesamte Ensemble mit langanhaltendem Beifall, der sich besonders für die komödiantischen Leistungen der beiden Junioren Johannes Hallervorden und Daniel Wobetzky sowie natürlich für Markus Majowski, für den Bilderbuchtürken Aykut  Kayacik und den Colonel Oliver Nitsche zu Spitzenwerten steigert. Ohne viel Prophetie kann man dieser Aufführung eine große Zahl von gut besuchten Wiederholungen voraussagen. 

Horst Rödiger
http://roedigeronline.de
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