Kritik zuLa Sonnambula
4.3/5
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Ein dörfliches Eifersuchtsdrama
  · 27.01.19
Die Wiederbelebung der Opern von Vincenzo Bellini ist keine einfache Aufgabe, und was bei "Norma" und "I Puritani" noch vergleichsweise leicht zu lösen ist, fällt bei "La Sonnambula" schon sehr viel schwerer, wenn man die Logik der Handlung einigermaßen beibehalten will. Dem 1831 am Teatro Carcano in Mailand uraufgeführten Werk liegt ein Libretto von Felice Romani zugrunde, das wiederum auf Eugèn Scribe und eine Comédie-Vaudeville namens "Das schlafwandelnde Dorfmädchen" zurückgeht. 

Die Deutsche Oper Berlin zeigt jetzt eine Produktion der Stuttgarter Oper in der Regie von Jossi Wieler und Sergio Morabito, die dort 2012 als sehr erfolgreiche Inszenierung gefeiert worden war. 

Die Grundkonstruktion der Fabel ist eigentlich recht einfach. Elvino, der reichste Heiratskandidat in einem schweizerischen Dorf, will die schöne Amina heiraten, ein im Schutz der Ziehmutter Teresa aufgewachsenes Waisenkind. Aber auch Lisa, die Wirtin der Dorfschänke, macht sich Hoffnung auf Elvino. Graf Rodolfo kommt nach längerer Abwesenheit ins Dorf zurück und will in der Schänke übernachten, um am nächsten Tag in sein nahegelegenes Schloß zurückzukehren. Während Lisa ihm in der Schlafstube das Bett bereitet, kommt es zu heftigen Umarmungen mit Rodolfo. Später kommt aber auch Amina in traumwandlerischer Trance ins Zimmer des Grafen und wird dort von Lisa und Dorfbewohnern entdeckt. Zunächst kündigt Elvino daraufhin die Verlobung auf. Später tänzelt Amina abermals schlafwandelnd über einen Dachfirst.  Als allen bewußt wird, daß man sie nicht für Taten verurteilen kann, die sie schlafwandelnd begangen hat, lenkt Elvino  ein, und der Weg zur glücklichen Heirat ist frei. 

Das Bühnenbild in Berlin stammt von Anna Viebrock und präsentiert die Dorfschänke als weißgetünchtes Tonnengewölbe, vor dessen stützenden Seitenwänden übergroße braune Holzschränke stehen, in denen man sich gut verstecken kann. Amina (Venera Gimadieva) und Elvino (Jesús León) sind zunächst ein Herz und eine Seele, während die Wirtin Lisa (Alexandra Hutton) den Alternativbewerber Alessio (Andrew Harris) vehement zurückweist. Graf Rodolfo (Ante Jerkunica), zunächst unerkannt, kehrt von der Reise zurück und verlangt ein Zimmer. Während ihm Lisa dort das Zimmer richtet, beweist ihr Rodolfo seine Zuneigung. Amina kommt herein, macht aber einen ziemlich wachen Eindruck. Ihr Trancezustand äußert sich lediglich im Text, wo sie Rodolfo immer als "Elvino" anspricht. Das Techtelmechtel auf dem Nachtlager des Grafen läßt aber an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig. Lisa und die Dorfbewohner stürmen herein, der Graf hat sich in einen der Schränke verdrückt, und Amina ist bloßgestellt. Elvino wirf ihr den Verlobungsring vor die Füße. 

Das zweite Schlafwandeln wenig später, das eigentlich in riskanter Positur auf einem Dachfirst stattfinden sollte, ereignet sich hier lediglich im Text. Nachdem Amina dann aus ihrer Absence erwacht ist, führt sie beredte Klage über ihr Schicksal, zu Unrecht den geliebten Elvino verloren zu haben. Sie tut das sehr ausführlich und überaus bewegend, so dass ihr Elvino, vom Grafen darin bestärkt, schließlich verzeiht und dem Glück der beiden nun nichts mehr im Wege steht. Aus der Schlafwandlerin ist hier eine durchaus schuldfähige junge Frau geworden, die auf Verzeihung angewiesen ist. 

Musikalisch steht die Aufführung auf hohem Niveau. Die Koloratursopranistin Venera Gimadieva meistert ihre schwierige Partei stimmlich mit Bravour,  und Jesús León als Elvino kann sich auch in hohen Lagen souverän, wenn auch bisweilen mit Anstrengung bewegen.  Besonderen Applaus bekommt Helene Schneiderman als Mutter Teresa, die mit  klarem Mezzosopran jeden Schritt ihrer Ziehtochter Amina begleitet und umhegt. Alexandra Hutton in der Sopranpartie der Lisa agiert plausibel und engagiert. Ante Jerkunica ist mit seriösem Bass ungeachtet seiner Liebeshändel der Ordnungsfaktor im Dorfdrama. Jörg Schörner spielt einen Notar, der das Eheprotokoll aufsetzt, und Rebecca Shein geistert als stumme Hexe durch die Szene. 

Eine besondere Hervorhebung verdienen Chor und Orchester. Jeremy Bines hat den Chor der Dorfbewohner sorgfältig und mit Wohlklang einstudiert. Am Pult des aufmerksamen und mit Feingefühl intonierenden Orchesters diesmal der junge Stephan Zilias, der erst zur Hauptprobe für den ursprünglich vorgesehenen Diego Fasolis eingesprungen ist. 

Insgesamt eine eher unsensationelle Präsentation, an der handwerklich aber nichts auszusetzen ist. So sah es auch das Premierenpublikum, das reichen Applaus spendete, der lediglich beim Auftritt des Regieteams von einem dumpfen Murren untermalt wurde. 

Horst Rödiger
http://roedigeronline.de
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