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Düstere Zukunftsaussichten
  · 10.10.18
Wenn der Rechtstaat nicht mehr existiert, kann sich jeder sich zum Richter aufschwingen. So erklären sich Onz (Thorsten Hierse) und Yldune (Kathleen Morgeneyer) im Jahre 2028 kurzerhand selbst zu Entscheidern über die vermeintlichen Verursacher der Krise. Ihre Verhöre stellen sie ins Netz, lassen sie im Dauerchat kommentieren und fühlen sich durch ihre Follower ermächtigt, ihre Urteile zu vollstrecken. Ist das die neue Form der Demokratie? 

Die Vorarbeit für dieses Theaterprojekt von Andreas Veiel und Jutta Doberstein hat fast zwei Jahre gedauert. Workshops mit Wissenschaftlern und Zuschauern wurden unter der Fragestellung "Wie wird unsere Zukunft aussehen?" organisiert. Nun hat er die bisherigen Ergebnisse zu einem Theaterabend fürs Deutsche Theater verdichtet. Eine Sience-Fiction-Dystopie ist dabei herausgekommen, in der sehr viele dringende Fragestellungen angesprochen werden: Wie werden sich die Gewerkschaften, der Sozialstaat, die Krankenversicherung, der Mindestlohn, die Aufnahme von Flüchtlingen, der Kapitalismus oder der Datenschutz entwickeln? Eine These des Abends wird sein: Jede gesellschaftliche Entwicklung und jede politische Entscheidung wird unter dem Primat des Kapitals stattfinden.

Die Szenerie ist futuristisch: Interstellare Bilder werden auf die Bühne geworfen, sphärische Musik wird live eingespielt. Seile hängen von der Decke, an denen die Verhafteten aufgehängt und herumgeschubst werden. Metallgerüste markieren die Zellen der Gefangenen. Eine herunterfahrende Ebene bietet Platz für die Verhöre. Die Frage, die Regisseur Andreas Veiel seine selbsternannten Richter stellvertretend auf der Bühne stellen lässt, ist: Wer trägt die Schuld für die dramatischen Entwicklungen in der Nord-EU? Wie konnten die wohlmeinenden Entscheidungen der Regierenden in eine sich selbst potenzierenden Abwärtsspirale führen? Wie werden Politiker, die für ihre Bürger Fortschritt gestalten sollen, zum Spielball der marktrelevanten Player?
Die EU-Kommissarin Franca Roloeg (Susanne-Marie Wrage), der Investor Stefan Tarp (Frank Seppeler), der EZB-Präsident Frerich Konnst (Jörg Pose) und der Ex-Gewerkschaftler - sie alle werden von dem Duo in die Zange genommen.

Roloeg ging Kompromisse ein, die den Verrat ihrer bisherigen Ideale bedeuten. Um das bedingungslose Grundeinkommen durchzusetzen, stimmt die EU-Kommissarin dem Vorschlag des Investors Stefan Tarp zu, "Ocean Cities" zu gründen. Auf Inseln will er Sonderwirtschaftszonen einrichten, dort Milliarden schwere Investitionen tätigen, so die am Boden liegende Wirtschaft in der Nord-EU ankurbeln, sogar Flüchtlinge aufnehmen und damit auch das Grundeinkommen finanzieren helfen. Auch der EU-Kommissar Konsst stimmt wider besseren Wissens zu. Eine Alternative zu dieser minimalen Chance einer Rettung der Rest-EU sieht er nicht. 

Doch das Grundeinkommen beschleunigt nur die Auswirkungen der Krise. Es schafft das Sozialsystem ab, die Arbeitgeber preisen das Grundeinkommen in ihre Mindestlöhne mit ein und unterbieten sich gegenseitig. Schließlich bricht die Wirtschaft auf dem Festland völlig zusammen. Die Konkurrenz der Sonderwirtschaftszonen ist zu groß. Die Menschen hungern, plündern und sind auf der Suche nach einfachen Lösungen. Tarp hat einen einfachen Vorschlag: Sein Inselsystem auf das Festland ausweiten! Die ganze EU eine Sonderwirtschaftszone! 

Auch wenn weder ein Theaterstück im klassischen Sinne mit ausgefeilter Dramenstruktur dabei herausgekommen ist noch Antworten gefunden worden sind, ist es ein Abend geworden, der die richtigen Fragen stellt und zum Weiterdenken anregt. 

Birgit Schmalmack vom 10.10.18 
http://www.hamburgtheater.de
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