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Allah gegen Coca Cola
  · 31.10.18
Hier prallen zwei Weltanschauungen aufeinander, die sich unvereinbar gegenüber stehen. Oder wie der einladende , um Auflockerung bemühte Konferenzleiter es ausdrückt: "Allah gegen Coca Cola". Verständnis für die andere Seite: Fehlanzeige. Da will eine Konferenz in Kopenhagen Abhilfe schaffen. Doch wer redet hier über wen? Vertreter von der westlichen Seite (Alicia Aumüller, Julian Greis, Jens Harzer,Thomas Niehaus, Tim Porath, Merlin Sandmeyer, Birte Schnöink, Rafael Stachowiak) reden über die östliche Sichtweise, und zwar am Beispiel Iran. Dieser Staat scheint alles zu verkörpern, was das Weltanschauungsprinzip eines Staates, der alles der Religion unterordnet, kennzeichnet. Auf der anderen Seite symbolisiert das glückliche Dänemark den liberalen aufgeklärten Individualismus. Die eine hält die Menschenrechte für die einzig Glück bringende Wahrheit. Die andere Seite glaubt dagegen, dass es immer noch etwas Wichtigeres gäbe als das menschliche Schicksal: das Prinzip Gott.

Auch wenn die Westler sich einfühlsam geben, bleiben sie immer in der Distanz des überlegenen Betrachters. Erst zum Schluss der Konferenz lässt Autor Iwan Wyrypajew zwei Redner auftreten, die über sich selbst reden und nicht über die anderen. Der weise alte Mann (Peter Maertens) glaubt, dass der Mensch nur die Freiheit finde, wenn er von sich selbst frei werden würde. Die Iranerin (Marina Galic), die wegen einiger Liebesgedichte erst zum Tode und dann zum Hausarrest verurteilt wurde und nun nach Europa ausgewandert ist, hat jeden Anspruch an Selbstverwirklichung längst aufgegeben. Sie schaue, warte, lebe und liebe und erkenne darin den Zweck des Lebens.

Autor Wyrypajew vereinigt in seinem Stück viele Aspekte.  Er legt die Hypris der westlichen Wissenschaft bloß, weckt Verständnis für gegensätzliche Sichtweisen, zeigt die Grenzen der Intellektualität auf und hinterfragt die Absolutheit von Werten und Sinnfragen. Wyrypajew wählt dafür die sehr strenge und wenig dramatische Form einer wissenschaftlichen Konferenz. Regisseur Matthias Günther belässt den Text in dieser strengen Form. Er verzichtet auf inszenatorische Abwechselung. Von den Zuschauern ist volle Konzentration über die fast zweieinhalb Stunden der pausenlosen Aufführung gefordert. Es ist es ein Abend geworden, der intellektuell anregt.  Ein zeitweiser Wechsel auch auf die Bildebene hätte ihn  noch eindrucksvoller machen können.

Birgit Schmalmack vom 31.10.18
http://www.hamburgtheater.de
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