3.5/5
Bewertungen: 13
Rezensionen: 4
Alle Kritiken ansehen.
0 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
wer berlin liebt und hasst findet hier sein zuhause - ein traum
  · 01.07.16
raus aus dem rauhen knast, rein ins rauhe berlin der 30er jahre. "alexanderplatz", der roman von alfred döblin, erzählte mit schnoddriger wucht die geschichte des lohnarbeiters franz biberkopf, dessen mieze, eine hure, von reinhold ermordet wird. der kleinkriminelle biberkopf gerät ins visier und sein leben zerstört sich. trostlosigkeit, hoffnungslosigkeit, verzweiflung. gier nach einem ausweg, einem licht, aber wo, ohne erneut abzustürzen. regisseur Sebastian Hartmann legt auf der bühne des deutschen theaters die kaputte seele des biberkopfs aus. das neonlicht grellt und bellt die zuschauer immer wieder an, die schlichten unschuldig weißen kulissen schieben sich hin und her. eklektische sounds brechen die szenen auf, verspielte aber todernste s/w videos surren über die wände. das stück "alexanderplatz" bekommt raum für seine unverwüstliche berlin-seele.
schnodderschnauze andreas döhler, mit dem hundeblick und der schiefen schnute, ist die idealbesetzung des verschlagenen franz mit dem kleinen herzen. wie er miezes schwester aufgegeilt aufsucht und an ihr rumschnurrt, ist eine der brutal-vitalen szenen. die blonde katrin wichmann, umwerfend-feminin und der düstere döhler gehen in den rollen so sehr auf, dass man hineingezogen wird in den sog der texte und taten. dem ganzen großartigen ensemble kann man das bescheinigen. berlinfiguren schlurfen kauzig über die bretter, zitieren berliner humor, berliner elend. immer wieder rauscht man zurück in die verbindung von franz und mieze. am ende begegnet eine energetisch gewaltige almut zichler als totenbotin dem mutlosen biberkopf und der kriegt es mit der angst zu tun. benjamin lillie ist der nackte engel, der das elend der schlachthöfe brüllt, das tier im menschen. und wieder eine szene mit sog. dann wird es wieder hinreißend komisch, dann bitter, dann poetisch.
auf über vier stunden (mit zwei pausen) hat regisseur hartmann den trip ins alte berlin angesetzt und langweilt keine sekunde. berlin rauscht immer noch. mit herz und schnauze. für mich, ja, berlinernde ostmieze, ein abend mit suchtfaktor.
War die Kritik hilfreich?