Kritik zuWozzeck
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Der Mensch ist ein Abgrund
  · 06.10.18
Als Georg Büchner 1837 nur 23jährig in Zürich nach schwerer Krankheit starb, war sein „Wozzeck“ ein unvollendetes Fragment. Der österreichische Schriftsteller Karl Emil Franzos bearbeitete den Nachlaß und publizierte 1879 erstmals die überarbeitete Fassung des Dramas. Alban Berg lernte den Stoff 1914 bei einer Aufführung in den Wiener Kammerspielen kennen. Das Dramenfragment des Medizinstudenten Büchner und die Opernpartitur des Komponisten Alban Berg haben eins gemeinsam: beide waren bei der Entstehung ihrer Zeit voraus. 

Erich Kleiber dirigierte 1925  die Uraufführung des „Wozzeck“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, und die Aufführung wurde ein großer Erfolg. Ab 1933 galt Bergs an Schönberg geschulte Kompositionstechnik als „entartet“, seine Musik wurde fortan geächtet und war erst nach 1945 wieder in der Öffentlichkeit zu hören. 

Die Neuinszenierung der Deutschen Oper Berlin stützt sich auf die Franzos-Version des Büchner-Textes und entfaltet dabei, unterstützt von der hilfreichen Projektion der Übertitel, den Reiz einer dichterisch konzentrierten Szenenfolge, in der Büchners Diktion immer aufs neue durch zeitlose Modernität überrascht. Die Figur des Soldaten Wozzeck, der mit seiner Freundin Marie ein uneheliches Kind hat und sich zur Erfüllung seiner Unterhaltspflichten als Handlanger bei einem Hauptmann verdingt und sich überdies von einem selbstverliebten Arzt für medizinische Experimente heranziehen lässt, kann in ihrer düsteren Zwangsläufigkeit bereits das nahende Unheil ahnen lassen. Dabei ist diese fatale Abwärtsspirale eben nicht nur durch gesellschaftliche Repression definiert, sondern sie wurzelt zu einem guten Teil auch in der problematischen Persönlichkeit des Protagonisten, die durch depressive und wahnhafte Zustände geprägt ist. Marie läßt sich auf die Macho-Figur des Tambourmajors ein, und in Wozzeck keimt Eifersucht auf, die schließlich in die mörderische Messerattacke mündet. Als Wozzeck die Entdeckung seiner Tat fürchtet, begeht er Selbstmord. 

Der norwegische Regisseur Ole Anders Tandberg verzichtet in seiner Inszenierung dankenswerterweise auf gewaltsame Brücken zur deutschen Geschichte und drückt seiner gelegentlich aufmarschierenden Volksmenge stattdessen fröhliche norwegische Fähnchen in die Hand. Das Bühnenbild von Erlend Birkeland unterstützt den raschen Wechsel zwischen den 15 Szenen der drei Akte, und das Ergebnis ist eine zügige Abfolge mit rund 100 Minuten Spieldauer. Die einzelnen Szenen werden durch einen Zwischenvorhang interpunktiert, auf den ein Porträtvideo des Wozzeck-Darstellers projiziert wird. 

Die einzelnen Figuren werden klar umrissen und in konzentrierter Form stilisiert. Der Wozzeck von Johan Reuter ist kein abgerissener  Underdog, sondern er trägt einen himmelblauen Straßenanzug, der vermutlich die vergebliche Sehnsucht nach sozialem Aufstieg symbolisieren soll. Sein verquältes Grundempfinden, die verdeckte Auswirkung ständiger Demütigungen kommen in Reuters Darstellung gut heraus. Die Marie von Elena Zhidkova hat einen hellen, kraftvollen Sopran. Für die abrupte Zuwendung zum Tambourmajor findet man allerdings kaum Anhaltspunkte. Ihr Schuldbewusstsein und die mentale Flucht in Bibelzitate liefern ein glaubwürdiges Gegengewicht zur sündhaften Ausschweifung. 

Den Tambourmajor spielt Thomas Blondelle mit auftrumpfender Pose. Burkhard Ulrich gibt den moralisierenden Platitüden des Hauptmanns eine klare, präzise Artikulation. Seth Carico ist ein fabelhafter Bilderbuch-Experimentator, der sich durch seine Forschungen ewigen Ruhm erhofft. Matthew Newlin ist Andres, Wozzeks Freund, der auf ihn einzuwirken versucht, aber das tragische Ende nicht aufzuhalten vermag. Die knackige Kellnerin Margret ist bei Annika Schlicht in guten Händen, und Andrew Dickinson bringt als Narr düstere Prognosen zu Gehör. Unter den Handwerksburschen bleibt vor allem die sorgfältig ausgeformte Studie von Tobias Kehrer im Gedächtnis, dessen Seele hier „nach Branntewein stinkt“. 

Das tragende Gerüst für diesen sehr konzentrierten Abend liefert allerdings die Partitur von Alban Berg in der Auslegung durch den Musikchef der Deutschen Oper Berlin, Donald Runnicles. Er geleitet sein groß besetztes Orchester mit bewundernswertem Feingefühl durch die vielen verborgenen Schönheiten dieser Komposition, die er nicht nur mit dominantem Blech und Schlagzeug dokumentiert, sondern eben auch mit kammermusikalischer Finesse, die den zahllosen klangschönen Solomomenten den angemessenen Raum gibt. So bleibt der Eindruck eines auch musikalisch höchst ansprechenden, durchaus genußreichen Klanges. 

Das während der gesamten Premiere mucksmäuschenstille Publikum feiert im reichlichen Schlußbeifall, den keine Mißfallensäußerung trübt, einen sehr eindrucksstarken, gelungenen Opernabend. 

http://roedigeronline.de
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