3.5/5
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America first oder die enttäuschte Hoffnung
  · 19.02.17
Sie gehört ohne Zweifel zu den erfolgreichsten Opern Giacomo Puccinis. Zunächst als Zweiakter konzipiert, wurde „Madama Butterfly“ dann zum Dreiakter umgearbeitet, der 1904 in Brescia erstmals aufgeführt wurde. Die Tragödie der kleinen Japanerin Cio-Cio-San, die als Geisha mit dem amerikanischen Marineoffizier Benjamin Franklin Pinkerton nach Landessitte getraut wird und dann, inzwischen Mutter eines Sohnes aus dieser Beziehung, eine erschütternde Enttäuschung erleben muss, hat von jeher die Herzen des Opernpublikums bewegt und gerührt. Pinkerton steht nach drei langen Jahren mit seiner tatsächlichen amerikanischen Ehefrau wieder vor der Tür der „Madama Butterfly“, aber nur, um tief zerknirscht den Sohn mitzunehmen. Cio-Cio-San gibt sich den Tod: „Wer nicht ehrenvoll leben kann, soll wenigstens ehrenvoll sterben.“ 

In der Deutschen Oper Berlin war jetzt die 140. Aufführung dieser Oper in der Inszenierung von Pier Luigi Samaritani zu erleben, die erstmals 1987 auf die Bühne kam - eine dieser langlebigen Stützen des Repertoires, die vom nie erlahmenden Publikumsinteresse zehren. Die Vitalität dieser Inszenierung ist durchaus bewunderungswürdig: Ein ausverkauftes Haus ist der Lohn sorgsamer Aufführungstradition. Besonders reizvoll an dieser Inszenierung ist, dass hier die chinesische Sopranistin Hui He die Rolle der kleinen Japanerin übernimmt - ein Hauch von asiatischem Flair findet auf diese Weise Eingang in die Handlung. 

Das optische Bild dieser Inszenierung lebt von hintereinander gestaffelten Reihen zarter Gazevorhänge, die einerseits Räume abgrenzen, andererseits, vom Wind bewegt, auch Landschaften oder die Meeresoberfläche zu imaginieren vermögen. Als der zornige Onkel Bonze mit der ganzen Verwandtschaft auftaucht, um Cio-Cio-San wegen ihres Glaubenswechsels zu verfluchen, senkt sich ein blutroter Vorhang von oben herab. Im Vordergrund ist lediglich eine Zimmerwand in japanischer Leichtbauweise zu sehen, die sich zur Seite fahren lässt, um den Blick in die Weite freizugeben. 

In dieser Szenerie bewegen sich die handelnden Personen in sehr einfachen, übersichtlichen Gängen. Da ist zunächst Diener Goro (Ya-Chung Huang), der als Vermittler zur Außenwelt agiert. Der amerikanische Konsul Sharpless, der das Unheil kommen sieht und es doch nicht abwenden kann, ist auch real Amerikaner (Noel Bouley), stammt aus Houston/Texas und skizziert mit kräftigem Bariton die Figur eines etwas hilflosen Diplomaten inmitten eines fremden Landes. „Butterflys“ helfende Begleiterin ist Suzuki (Katharina Kammerloher) mit ausdrucksvollem Mezzo, die alle Schmerzen ihrer Freundin mitfühlt und doch im entscheidenden Moment das Schicksal nicht aufhalten kann. Im Mittelpunkt der Handlung steht Hui He in der Rolle der Cio-Cio-San: eine kleine, aber zu großen Gebärden fähige Person, die ihre unerschütterliche Hoffnung bis zur schließlichen Katastrophe aufrecht erhält. Die Stimme der Sopranistin ist unerwartet kräftig, anfangs etwas belegt wirkend, dann aber zunehmend frei und mit weit ausgreifendem dramatischen Duktus. Stefano La Colla ist Pinkerton, ein hell getönter, in der Höhe leicht geschärfter Tenor, dessen anfängliche Verliebtheit sich in hilflose Feigheit angesichts der durch ihn ausgelösten Konflikte wandelt. 

Yves Abel am Pult des Orchesters der Deutschen Oper konnte an diesem Abend anfänglich kein ungetrübtes Hörvergnügen servieren. Im ersten Akt gab es gelegentliche Synchrondifferenzen, und Puccinis so zarter, wie ein Hauch gezeichneter Orchestersatz wollte seinen Zauber anfangs nicht entfalten. Stattdessen stachen einzelne Instrumente hervor, und die verführerische Atmosphäre dieser japanischen Hochzeitswelt schien zu grob gezeichnet. Im weiteren Verlauf besserten sich viele Teilaspekte, sowohl die Geschlossenheit des Orchesterklangs wie die stimmliche Präsenz der beiden Hauptpersonen, und den berühmten Summchor vor der Nacht des Wartens konnten die von Thomas Richter einstudierten Damen des Chors mit aller erforderlichen Delikatesse darbieten. 

Am Ende gabs reichen Applaus vom hochzufriedenen Publikum, allen voran natürlich für die überaus dankbar reagierende Hui He, aber in abgestufter Weise auch für die übrigen Solisten. 

http://roedigeronline.de/
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