4.5/5
Bewertungen: 4
Rezensionen: 3
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oh, alles so schön bunt hier! als die schwarzen deko-vorhänge endlich fielen bekam das kleine frollainwunder in mir riesengroße kulleraugen. stephan prattes hat ein kolossales kitschreich installiert und lässt den nostalgischen frühling-sommer-herbst-und-wintergarten in farbe und grafik explodieren mit mangas, computer-spielfiguren, pokemons, drachen, wolkenkratzern. prattes, anfang 40, ein wiener regisseur und bühnenbauer in berlin, verpasste schon den shows der geschwister pfister den putzigen schmäh, und kann und will bei jeder produktion, an der er beteiligt ist, glücklicherweise seine fantasie nicht bremsen. bei der aktuellen jubiläumsproduktion (25 jahre glitzerwinterwundergarten) „sayonara tokyo“ geishas! tamagotchis! edelweiß! bis 11. februar 2018. führt er auch die regie und das show-gesamtpaket macht überfröhlich und das hyperherzl flirrt. es koketten kess durch den abend die showgirls yoko, nancy und heidi (natürlich blond). mit singsang, showtreppchen und charmanter moderation verzuckert das japanisch-deutsch-amerikanische püppitrio den verspielten revue-traum. sixties popsongs mit japan-bezug (u.a. „mitsou“ von jacqueline boyer, „nagasaki boy“ und „bye bye yokohama“ von den peanuts) amüsieren wie zu nostalgischen öffentlich-rechtlichen-fernsehzeiten. prattes lässt aber auch „hiroshima“ von wishful thinking/sandra als melancholischen rockklassiker und „big in japan“ von alphaville interpretieren, vom american girl im leder-dress. von knallbunt zu melancholisch und zurück. die regie lässt keine emotionen aus und so bleibt der spannungsbogen elastisch.
silberhaar-senior takeo ischi, jodelnder japaner aus dem chiemgau, übernimmt die rolle des entertainers, gackert kultig zu an der digitalwand hüpfenden tamagotchi-küken und kann auch den smarten karel gott mit japanischem pop und wehmutsballaden. die live-band um jo roloff ist gelassen routiniert und hält den durchgeknallten japan-trip professionell zusammen.
yo-yo-spieler und weltmeister naoto gibt den jungenhaften spiele-nerd mit der rutschenden brille. da staunen auch kichernd die niedlichen manga-mädchen in den schulkostümen und die supercoolen boys breakdancen. die vier von tokyo jumpz lassen die schulhof-hopserei mit ihren seilen zu einer wettbewerbsdisziplin werden und das federleicht. definitiv die superhelden (wie supermario) jedes kindes! arisa ist die ästhetische akrobatin an tuch, ring und in der welt der grazilen geisha. herr senmaru im kimono balanciert teekannen auf einem stöckchen und trommelt später schwebend, like a samurai. möglich macht das uli-k, ein höflicher industrieroboter, der die künstler trägt und dreht, eben zur trommelfläche wird oder einen ball balanciert.
oh wer tappst denn da herein? die welt der bunten tamagotchis, winke- und doraemon-katzen wird menschengroß und spielzeugland-allerliebst. winke winke von den maskottchen! aber japan ist auch kirschblüte, zinnoberrote sonne, fujiyama und traditioneller gesang zur wehenden flagge. mit „sayonara tokio“ hat sich berlins schönstes variete-theater eine umwerfende exotische revue geschenkt und uns gästen einen zauberhaften abend.  
ein weiteres wow erlebt man, wenn man das sanitär aufsucht und in die architektonische fantasiewelt von hutdesignerin fiona bennett hinabgleitet auf der hellen wendeltreppe.
wintergarten, zaubergarten, kitschparadies – berlins zentrum der kinderträume und erwachsenen-sehnsüchte!
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