3.5/5
Bewertungen: 16
Rezensionen: 6
Alle Kritiken ansehen.
1 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
ostermeier und der anspruch
  · 02.10.17
shakespeare is over. ostermeier bleibt klassisch. nach schnitzlers „professor bernhardi“ (https://www.aufderbuehne.de/index.php/kritiker/350) widmet er sich auch zweieinhalb pausenlose stunden lang der biografie des französischen journalisten didier eribon (64). ein coup für das gutbürgerliche theater, denn der bestseller von 2009 erschien erst 2016 auf deutsch bei suhrkamp. in „rückkehr nach reims“ kehrt der pariser eribon nach dem tod des vaters zum emotionsbelasteten ort der kindheit zurück. erinnert sich an die dumpfen jahre im arbeiterbezirk, einer klassengefangenen welt, in deren häusern armut sprach. eribon untersucht strukturen, entwicklungen, biografien. selbst die mutter, einst kommunistin, wie es üblich war, wendet sich später den rechtspopulisten zu. dass eribon schwul ist, ist thema, aber die wurzeln sind der mittelpunkt.
ostermeier nutzt wieder den atmosphärischen globe-theatersaal und setzt eribons werk in passagen in einem langweilig hellbraundunkelbraunem tonstudio um. hans-jochen wagner agierte schon in „professor bernhardi“ und übernimmt die rolle des angespannten aufnahmeleiters. wagner dramatisiert seine rolle gern, bändigt sich aber auch. renato schuch gibt den tonstudio-inhaber und schlendert in turnschuhen rum (rappen kann er nicht wirklich, aber so lebt der gesittete abend kurz auf). die kaffeemaschine blubbert elendskaffee. beide warten auf sprecherin katy, also nina hoss, die dann auch die tür öffnet und gewohnt charmant lächelt. nina hoss, die deutsche unprätentiöse traumfrau der regisseure.
ihre aufgabe, die sie ernsthaft und mit angenehmer stimme absolviert: auszüge aus „rückkehr nach reims“ lesen und die vielen filmschnipsel des regisseurs und aufnahmeleiters sinnvoll untermalen. und was für filmschnipsel! ostermeier hat eribon in einen zug gesetzt und begleitet dessen biografische reise unaufgeregt und stimmig. irgendwann sitzt eribon mit der müden mutter am tisch und schaut sich alte fotos an. der dokumentarische film zeigt  auch szenen aus der arbeiterwelt, der fabrik, von den treffpunkten der schwulen szene – es entsteht mühelos eine collage, die uns den autor nahebringt.
das übliche stop and go des einlesens hat ostermeier als regie-punkte gesetzt. es soll auch unbedingt authentisch werden, in dem sich im tonstudio gekabbelt wird oder diskussionen inszeniert werden. und schon bin ich raus und der nebenmann atmet angestrengt mit. gerade eben konnte man dem autor noch in bild und ton folgen, nun dreht sich der abend um das doll drapierte drumherum.
final lässt ostermeier seine schauspiel-perle nina hoss den film im detail in frage stellen und von ihrem vater berichten. neumodisch werden sich im smartphone fotos und filmchen gezeigt. von will hoss, dem gründer der grünen, auch arbeiter, aber kämpferischer und schließlich ehrenhäuptling eines amazonasdorfes. schuch und wagner wirken in ihren rollen interessiert, aber es ist eben nicht authentisch. der abend ist mit zweieinhalb stunden mindestens eine halbe stunde zu lang. das ambitionierte konzept verzettelt sich und leider geht der sensible eribon, den man sofort mag, mit seinem wesen unter (und sollte eher in einem dokufilm auf arte fesseln). dann würde man auch wachbleiben wollen. das gutbürgerliche publikum hatte ebenso mit der aufmerksamkeit zu kämpfen wie das rauflustige frollainwunder aus ostberlin. schon bei „professor bernhardi“ kam edelelegante langeweile auf, beim versenken in ein heutzeitiges autorenwerk. anspruch statt ausbruch.
und so gab es einen ostermeier ohne osterfeuer zu sehen, wenn er nicht bei shakespeare vorbeischaut und lars eidinger in das publikum feuerfunkeln lässt (noch immer als hamlet und richard zu sehen). ausbruch mit anspruch geht auch.
War die Kritik hilfreich?