Kritik zuSalome
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Fashion Week in Judäa
  · 25.01.16
Dass Skandale ein Kunstwerk häufig keineswegs zerstören, sondern seinen Weg in eine breitere Öffentlichkeit eher befördern, ist an wenigen Werken so deutlich zu verfolgen wie an Richard Strauss' "Salome". Oscar Wilde hatte die literarische Vorlage 1891 in französischer Sprache verfaßt, die 1896 in Paris mit Sarah Bernhardt in der Titelrolle uraufgeführt worden war. Strauss war 1901 durch den Wiener Dichter Anton Lindner dazu angeregt worden, aus dem Bühnenstück ein Opernlibretto zu gestalten. Dafür zog der Komponist die deutsche Übersetzung von Hedwig Lachmann heran, nahm einige Kürzungen und Umstellungen vor, stützte sich aber weitgehend auf den Wortlaut von Wildes Theaterfassung. Das Werk wurde 1905 an der Dresdener Hofoper uraufgeführt. Gustav Mahler hatte die Oper eigentlich zeitgleich an der Wiener Staatsoper herausbringen wollen, was aber von der Zensur wegen "die Sittlichkeit beleidigender" Handlung abgelehnt wurde. Lasziv, zügellos und morbide sei nach zeitgenössischem Urteil insbesondere die Rolle der Salome,Tochter der Herodias, deren Verlangen nach sexueller Annäherung an Johannes den Täufer mit dessen Enthauptung endet. Salome lässt sich das Haupt des Predigers auf einer Silberschüssel präsentieren und küsst es auf die Lippen. Herodes befiehlt, sie zu töten.

Die Neuinszenierung von Claus Guth mit dem Bühnenbild von Muriel Gerstner an der Deutschen Oper Berlin verzichtet gänzlich auf morgenländische Repliken, auf mildes Klima und Mondschein. Stattdessen spielen die ersten Szenen im Halbrund eines Innenhofes, der sich zur Not noch als Teil eines dahinter befindlichen Palastes deuten läßt. Mit dem Auftritt des Herrscherpaares Herodes und Herodias verwandelt sich die Szenerie dann allerdings durch das Aufziehen verschiedener Vorhänge in den Verkaufsraum eines Maßateliers für Herrenmode, in dem aufgereihte Sakkos und Krawatten das Bild bestimmen. Die Regie folgt vor allem der zeittypischen Maßgabe, dass auf der Bühne permanent etwas zu geschehen habe, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln. Das Quintett der streitenden Juden, die beiden Nazarener und die zwei Soldaten werden zu Angestellten des Modehauses. Jochanaan der Täufer muss nicht als Gefangener in einer Zisterne ausharren, sondern darf gleichfalls in modischer Herrenkleidung am szenischen Geschehen teilnehmen. Auch die im Text verankerte Silberschüssel als Präsentationsobjekt für das abgeschlagene Haupt des Jochanaan ist gestrichen. Stattdessen zieht Salome einer Kleiderpuppe den Kopf ab und führt mit ihm den fatalen Dialog über die Bitternis der Liebe. Aus dem "Tanz der sieben Schleier" wird der optisch durchaus reizvolle Auftritt von sechs Mädchen, die Salome im Kindes- und Jugendalter symbolisieren. Wenn der Reiz dieses Effekts verflogen ist, zerflattert die  Darstellung allerdings ohne zwingenden Kulminationspunkt. Die handelnden Personen verfallen abwechselnd in eine roboterhafte Starre, die sie wohl als fremdbestimmte Marionetten charakterisieren soll. Am Schluss schreitet Salome erhobenen Hauptes davon, der Tötungsbefehl des Herodes verhallt unbeachtet. 

So rätselhaft und gewollt vieles an dieser Inszenierung bleibt, so offenkundig gelungen und mit Sorgfalt ausgeführt ist die musikalische Gestalt des revolutionären Strauss-Einakters. Allen voran die Titelheldin Salome, die in der Darstellung von Catherine Naglestad sowohl figürlich wie mit ihrem anfangs leichten, aber später metallisch kraftvollen Sopran die psychologischen Charakterbrüche der Prinzessin von Judäa glaubwürdig interpretiert. Jeanne-Michèle Charbonnet gibt der herrischen Frauenrolle der Herodias die nötige Kontur. Burkhard Ulrich als Tetrarch Herodes ist mit flexibler Stimme und hervorragender Textverständlichkeit eine ideale Verkörperung seines Parts. Am Pult des aufmerksamen, fein differenzierenden Orchesters der Deutschen Oper leitet Alain Antinoglu die Aufführung souverän und mit ausgeprägtem Sinn für die Reize der Strauss-Partitur. 

Das Publikum dankt den Solisten und dem Orchester mit ausdauerndem Beifall, der sich erst beim Auftreten des Regieteams radikal ins Gegenteil verkehrt. Das Konzert der Buh-Rufe bildet einen herben Kontrast zum musikalischen Wohllaut dieser Premiere. 

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